Verbrechen

Deutsche Unternehmen – alles nur Verbrecher

Written by Jürgen Fischer. Posted in Verbrechen

Unter dem Titel „Taube Ohren“ stellt Dietmar Hipp im Spiegel Nr. 29 vom 18.7.2011 nicht nur das deutsche Recht, sondern zugleich implizit alle Unternehmer und Arbeitgeber an den Pranger. „Wer Missstände an seinem Arbeitsplatz öffentlich macht, riskiert in Deutschland die Kündigung.“ steht direkt unter der provokanten Headline.

Im Folgenden geht es um Brigitte. Brigitte ist 49 und Pflegerin in einem Altenheim. Brigitte hat zum Wohle der Heimbewohner eklatante Missstände aufgedeckt. Die Heimbewohner würden zu selten gewaschen, bekämen zu wenig zu essen und zu trinken und müssten teilweise stundenlang in ihrem Kot und Urin liegen. In der Tat unhaltbare Zustände, die Brigitte beschreibt und die sie wieder und wieder hausintern zur Sprache brachte, leider vergebens. Nachdem die Heimleitung auf ihre zahlreichen Hinweise nicht reagierte, stellte Brigitte schlussendlich Strafanzeige. Zum Dank wurde sie von ihrem Arbeitgeber fristlos gekündigt, so der Spiegelartikel.

Wie spiegel-üblich wird dem Leser suggeriert, dass solche Fälle bei uns in Deutschland die Regel sind, und eben nicht die absolute Ausnahme. „Immer wieder verlieren in Deutschland „Whistleblower“, also Arbeitnehmer, die Alarm schlagen und auf Missstände in ihren Firmen, Behörden oder Institutionen aufmerksam machen, deshalb ihren Arbeitsplatz.“ Herr Hipp zieht schlussendlich das Fazit, dass die Bundesrepublik wenig von „Whistelblowern“ hält und sie einen nur unzureichenden rechtlichen Schutz in Deutschland genießen.

Offensichtlich ist es dem Spiegel sehr schwer gefallen, seine Story neben dem Fall „Brigitte“ mit aktuellen Beispielen zu untermauern. Ansonsten hätte man wohl kaum bis ins Jahr 1994 zurückspringen müssen. Eine Tierärztin wies „als eine der Ersten öffentlich auf BSE-Verdachtsfälle hin, nachdem sie intern vier Jahre lang auf taube Ohren gestoßen war“. Nach alter Spiegelmentalität wird mit BSE eine Seuche als Beispiel herangezogen – vom Missstand zur Katastrophe und zur Seuche sind es in „Spiegellängen“ nur wenige Millimeter. Einmal bei der Seuche angekommen, passt der Lkw-Fahrer gut ins Bild, „der 2007 die Polizei mit seinem Anruf auf die Spur eines Gammelfleischskandals brachte“ und der „von seiner Spedition die Entlassungspapiere“ bekam.

Ergänzend zur Seuche brauchen wir noch ein paar Millionen, damit der Missstand noch größer wird. Am besten viele Millionen. Daher werden gleich 200 Millionen Euro ins Rennen geworfen. Um diesen Betrag ging es bei einer Wertpapierhändlerin, die einen Insiderhandel gemeldet hatte. Brigitte, der LKW-Fahrer, die Wertpapierhändlerin und die Tierärztin wurden, obwohl sie offensichtlich das Richtige taten, allesamt von ihren Arbeitgebern entlassen, und das deutsche Recht schützt sie nicht hinreichend vor den im Grunde verbrecherischen Arbeitgebern. Soweit die Spiegelpropaganda.

Verkehrt? Aber mitnichten, werfen wir einen Blick in das typisch deutsche Unternehmen und die hier geltenden Regeln und Anweisungen. Schließlich sind wir in Deutschland, und da ist alles klar geregelt, so auch der Fehler und der Umgang mit ihm. Daher werfen wir kurz einen Blick auf die vorherrschenden Regeln im Umgang mit Fehlern in deutschen Unternehmen:

• Wir machen keine Fehler, Fehler gibt daher es nicht.
• Fehlermeldungen werden so lange wie möglich ignoriert.
• Fehlermelder werden grundsätzlich unter den Verdacht gestellt, dass sie Fehlerverursacher sind.
• Wenn wir einen Fehler sehen, schauen wir weg.
• Wenn wir selbst einen Fehler machen, heißt die oberste Devise „vertuschen“.
• Ergänzend ist zu prüfen, ob wir den Fehler anderen in die Schuhe schieben können.
• Machen andere einen Fehler gilt: Jeder Fehler hat einen Namen!
• Die Suche nach dem Schuldigen beginnt und ist in jedem Fall erfolgreich zu Ende zu bringen.
• Schuldige sind öffentlich an den Pranger zu stellen.
• Der Schuldige bleibt für längere Zeit am Pranger.
• Zum guten Schluss: Fehlerverursacher werden fristlos gekündigt. Der Schuldige ist weg!

Dies ist lediglich eine kleine Auswahl typischer Regeln zum Thema Fehler und Missstände. Aufgaben der Führungskräfte sind in diesem Kontext überwachen, entlarven und bestrafen. Mitarbeiter werden grundsätzlich unter Generalverdacht gestellt. Sie arbeiten mit dem Vorsatz, Fehler zu machen. Führungskräfte dürfen nicht glauben, dass Mitarbeiter gewissenhaft arbeiten. Dies ist ein Irrglaube. Daher müssen Führungskräfte ihre Mitarbeiter kontrollieren und sie dabei erwischen, wenn sie Fehler machen. Das ist ihre Aufgabe. Haben sie die Schuldigen überführt, werden sie und damit der Fehler aus dem Unternehmen verbannt. Man nennt das „Fehlerkultur“.

Selbstverständlich muss sich ein solches System weiter entwickeln. Daher ist es parallel zentrale Führungsaufgabe die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Mitarbeiter immer und immer mehr Fehler machen. Nur so lässt sich der Umgang mit Fehlern optimieren und nur so lässt sich das Ziel des kontinuierlichen Personalabbaus umsetzen. Man nennt dies in der Fachsprache auch „KVP“, also einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess.

So muss die Spiegelwelt aussehen. Wäre das, was der Spiegel uns weißmachen will, das Grundprinzip deutscher Unternehmer und Firmenchefs, wären diese allesamt doof. Sicherlich, ja, Sie haben Recht, einige sind doof. Aber lassen wir die mal beiseite, auch wenn es sich dabei gerade um Ihren Chef handeln mag. Halten Sie durch, die meisten sind anders, echt! Ansonsten würden Fehler verschwiegen und vertuscht. Wobei es natürlich auch das gibt. Aber wenn das Spiegelbild stimmen würde, wäre die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, so groß, dass kein Mitarbeiter einen Fehler intern melden oder auf Missstände hinweisen würde. Deutsche Unternehmen hätten keine Chance, Fehler zu vermeiden und sie hätten keine Möglichkeit, ihre Prozesse zu verbessern.

Zudem würden täglich Mitarbeiter von übereifrigen Führungskräften an öffentlichen Plätzen zur Schau gestellt. Die ohnehin überfüllte Kölner Domplatte wäre mit Prangern zugepflastert. Über jedem jammernden Mitarbeiter hing eine ausführliche Beschreibung des von ihm begangenen Fehlers, penibel dokumentiert. In den Tageszeitungen gäbe es zwischen Stellenmarkt und Todesanzeigen eine Rubrik namens Mitarbeiterfriedhof. Hier würden alle Mitarbeiter von ihren früheren Arbeitgebern „beerdigt“, man würde sich von seinen Ex-Mitarbeitern verabschieden und ihre Unzulänglichkeiten und Fehler würden öffentlich publik gemacht. Nur um andere Unternehmer zu warnen. Selbstverständlich alles mit breiter politischer Unterstützung. Schließlich will sich auch die Politik vor solchen Menschen schützen.

Weil deutsche Arbeitgeber und Unternehmer nicht doof sind, sieht die Realität im Umgang mit Fehlern im überwiegenden Teil deutscher Unternehmen anders aus. Ansonsten würden wir wirtschaftlich im internationalen Wettbewerb auch keine Rolle spielen.

Es mag sein, dass es in ihrem Unternehmen gewisse Ausprägungen der oben skizzierten Vorgehensweise gibt. In den meisten Unternehmen gibt es eine andere „Fehlerkultur“. So eine Fehlerkultur beschreibt, wie man mit Fehlern umgeht. Dazu zählt die Erkenntnis, dass Fehler entstehen und dass man das Auftreten von Fehlern als normal akzeptiert. Dazu gehört das Ziel, Fehler zu vermeiden bzw. möglichst wenige Fehler zu machen. Dazu gehört es auch, einen vernünftigen Umgang mit aufgetretenen Fehlern bzw. den Menschen, die sie gemacht haben, zu pflegen. Dazu gehört es, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, um den aufgetretenen Fehler künftig zu vermeiden. Dazu gehört es nicht, bei Fehlern wegzusehen, Fehlermeldungen zu ignorieren, Rahmenbedingungen zu schaffen, die zu Fehlern führen und auch nicht, die Schuldigen an den Pranger zu stellen oder zu bestrafen.gekündigt.jpg
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Es gibt sogar Unternehmen, in denen man sich über jeden gefundenen Fehler freut. Stellen Sie sich das vor, sich über Fehler freuen, so was soll es geben? Ja, ein Fehler muss schließlich erst identifiziert werden, damit man sein wiederholtes Auftreten vermeiden kann. Das ist die Basis für kontinuierliche Prozess- und Qualitätsverbesserungen. Genau aus diesem Grund belohnt so mancher Arbeitgeber das Auffinden von Fehlern. Für viele unvorstellbar, für den Spiegel eine Meldung aus einer anderen Galaxie, das kann nicht irdisch sein. Ist es aber.

Und weil das so ist, brauchen wir auch nicht noch mehr oder noch strengere Regeln und Gesetze. Der Kündigungsschutz in Deutschland rangiert laut OECD-Studien seit Jahren im oberen Mittelfeld. Das reicht, wir müssen nicht überall spitze sein. Wir haben einen ausreichenden Arbeitnehmerschutz. Zu einem Sozialstaat gehört es, dass auch die Interessen der Arbeitgeber berücksichtigt werden. Mitarbeiter dürfen identifizierte Probleme und Missstände nicht einfach direkt in die Öffentlichkeit hinaus posaunen und hiermit ihrem Arbeitgeber schaden. Es reicht, wenn das ständig in der Politik und im Sport passiert. Aber Unternehmer brauchen ebenso wie Mitarbeiter Rechtssicherheit, dass vertraglich vereinbarte Vertraulichkeits- und Verschwiegenheitsklauseln eingehalten werden. Schließlich werden Mitarbeiter davor geschützt, dass sie nicht beim kleinsten Fehler direkt vor die Tür gesetzt werden und in der Samstagsausgabe der Tageszeitung in der Rubrik Mitarbeiterfriedhof einen exponierten Platz finden.

Spiegelverkehrt sagt: Wir alle machen Fehler und wir alle dürfen Fehler machen. Ist doch toll, oder?

Von: Jürgen Fischer -