Statistikkritik

Statistikkritik: Hilfe, wir sind übermannt!

Written by Jürgen Fischer. Posted in Statistikkritik

Gefunden habe ich den Artikel „Plötzlich übermannt“ auf www.spektrum.de (http://www.spektrum.de/news/ploetzlich-uebermannt/1422450). Das Verhältnis von Männern zu Frauen ist „nie exakt 1:1, in den meisten Industrienationen gibt es einen leichten Frauenüberschuss.“ steht da zu lesen. Aber dann kommt es: „Zum ersten Mal seit Beginn der historischen Aufzeichnungen leben in Schweden plötzlich mehr Männer als Frauen. Im Mai 2016 betrug der Vorsprung etwa 12 000“.

Ich möchte von einer weltbewegenden Nachricht sprechen, ein absolut außergewöhnliches und offenkundig einmaliges Ereignis. Wir erfahren zwar nicht, seit wann es die historischen Aufzeichnungen gibt, aber in jedem Fall ist ein neuer Rekordwert erreicht.

Diesen statistischen Rekord wollen wir uns kurz etwas genauer ansehen. Schweden hat im Jahr 2013 knapp 9,6 Millionen Einwohner, wobei ich es bei meiner Berechnung bei 9,5 Millionen belasse. Bei einer Gleichverteilung, also einem Verhältnis von 50:50, müssten wir je 4.750.000 Männlein und Weiblein haben. Das haben wir aber nicht, es sind wohl 4.756.000 Damen und 4.744.000 Herren, was zu einem Frauenüberschuss in Höhe von 12.000 führt. Das entspricht einem Verhältnis von Frauen zu Männern von 50,063 zu 49,937. Ich hoffe, Sie erkennen den krassen Unterschied.

An dieser Stelle hilft uns kurzes Nachdenken bei der Interpretation dieses enormen Unterschieds. Ja, Sie haben Recht, ein solcher Unterschied ist völlig normal, er liegt innerhalb der üblichen statistischen Schwankungsbreite. Streuung ist normal, mal regnet es und mal scheint die Sonne, mal ist es kalt und mal warm, wir haben nicht immer durchschnittliches Wetter.

Im Artikel geht es allerdings nahezu unfassbar weiter: „in Dänemark, Norwegen und der Schweiz leben mittlerweile etwa gleich viele Männer und Frauen“. Wer hätte das gedacht, der Frauenüberschuss schmilzt dahin. Ohne die Statistik zu bemühen, dürfen Sie davon ausgehen, dass es weiterhin europäische Industrienationen mit einem leichten Frauenüberschuss gibt.

Sodann erfahren wir, dass die Anteile sich im Verlaufe eines Lebenszyklus verändern. Wir starten mit mehr Jungens und es endet mit weniger Großvätern, weil Männer früher sterben, auch der Arbeit wegen. Im Weiteren wird darüber philosophiert, was alles passieren könnte, wenn diese Entwicklung sich weiter fortsetzt. Diese Statistiken werfen allerdings Weltfragen auf, die in dem Artikel leider nicht gestellt werden.

  • Steigt die sexuelle Unzufriedenheit bei Männern in europäischen Industrieländern aufgrund der zunehmenden Nachfrage (mehr Männer) und des sinkenden Angebots (weniger Frauen)?
  • Wie reagieren Gleichstellungsbeauftragte auf diese bedrohliche Entwicklung?
  • Waren die Frauenbewegung und die vermeintlichen Errungenschaften einer Angleichung von Männern und Frauen ein Schuss ins eigene Knie, weil sie perspektivisch zu einer früheren Sterblichkeit der Frauen führen?
  • Was sagt Alice Schwarzer zu diesen Konsequenzen?

Es scheint allerdings nun endlich eine taugliche Zielgröße für die Gleichstellung von Mann und Frau gefunden: Wenn sich die durchschnittliche Lebenserwartung von Mann und Frau einander angeglichen haben, dürfte die Gleichstellung erreicht sein.

Laut der Prognosewerte des statistischen Bundesamts sind wir jedoch in der Vorausschau bis 2060 noch weit von einer wirklichen Gleichstellung entfernt. Während die Lebenserwartung der Frauen im Jahr 2060 mit 88,8 Jahren angegeben wird, landen die Männer bei nur 84,8 Jahren. Als Mann finde ich das extrem unfair, die Gender-Debatte sollte endlich unter Berücksichtigung der richtigen Zielgrößen geführt werden!

Von: Jürgen Fischer -