Statistikkritik

Merkel schwankt hin und her

Written by Jürgen Fischer. Posted in Statistikkritik

Mit zunehmendem Alter scheine ich mich nicht weniger, sondern immer mehr über den Umgang der Presse mit Statistiken zu ärgern. Hinzu kommt, dass es einen Nachholbedarf in Deutschland im Umgang mit Statistiken zu geben scheint, denn allzu viele sind zahlen- und pressegläubig. Es besteht Aufklärungsbedarf.

Ein schönes Beispiel für Täuschen mittels Statistik liefert uns die Welt online, eine sehr renommierte deutsche Zeitung, die allerdings im lauteren Umgang mit Statistiken, wie nahezu die gesamte deutsche Presse, noch ein gewisses Verbesserungspotenzial hat und sich insofern ein wenig Statistikkritik verdient hat.

Im Juli 2016 titelt die Welt online: „Merkels Beliebtheit steigt auf Zehn-Monats-Hoch“ und darunter findet man die folgende Grafik.

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Quelle: www.welt.de

Phänomenal, wie man aus einem sukzessiven Abstieg von Werten um ca. 70 % auf nunmehr zwischen 50 und 60 % eine positive Nachricht fabriziert.

Will man etwas besser darstellen, als es eigentlich ist, sucht man sich einfach einen passenden Referenzpunkt, also in der Grafik den September 2015. Man greift sich willkürlich eine Zeitspanne heraus und baut sich seine Schlagzeile zusammen. Wer macht hier Politik und wer regiert das Land, Politik oder Presse?

Neben dem Referenzpunkt bietet sich zudem die Verwendung eines passenden Vergleichsobjekts an, im vorliegenden Fall handelt es sich um ein stetig zunehmendes Vergleichssubjekt, nämlich Herrn Gabriel. Die Prozentwerte von Herrn Gabriel haben sich im Zeitverlauf wenig verändert, stören also nicht; alles wie im wahren Leben.

Die Pressemitteilung hätte übrigens mit Blick auf alle Werte in der obigen Grafik genauso lauten können: „Merkel leicht über dem Langzeitdurchschnitt“, denn der Durchschnitt über alle monatlich angegebenen Werte liegt bei knapp 61 %. Alternativ wäre daher auch möglich „Merkel kommt nicht hoch!“

Ebenso hätte die Welt mit Blick auf die Monate Juni und Juli schreiben können: „Die Deutschen befürworten Merkels Asylpolitik: über 15 % Anstieg in der Beliebtheit alleine im letzten Monat.“

Im August 2016 sieht die Welt laut Welt schon wieder ganz anders aus: „Merkels Beliebtheit stürzt wegen Flüchtlingspolitik ab“ und darunter sieht man folgende Grafik:

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Quelle: www.welt.de

Damit hätten wir einen weiteren beliebten Trick. Wen interessieren schon alle Prozentwerte oder die gesamte Skala? Nehmen Sie einen Ausschnitt, das reicht völlig.

Da sich bei Herrn Gabriel vermutlich weiterhin nichts verändert hat, müssen wir auf ihn im September verzichten. Aber bei Horst Seehofer sind die Werte steil nach oben gegangen, also nehmen wir doch einfach den Seehofer. Und jetzt basteln wir uns eine neue Schlagzeile. Wer macht hier Politik und wer regiert das Land, die Politik oder die Presse?

Natürlich könnte sich die Presse kritisch mit Statistik auseinandersetzen und sich beispielsweise fragen, worauf die Unterschiede zurückzuführen sind, anstatt Unterschiede zu „erklären“ oder Propaganda zu betreiben.

Die Schwankungen könnten eventuell daran liegen, dass die „bajuwarischen Seehoferianer“ zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht in Urlaub und damit für die Umfrage erreichbar waren, weil die Bayern immer als letztes Bundesland Schulferien haben. Die Merkelanhänger waren hingegen in Urlaub und im übrigen Land erreichte man einen höheren Anteil derer, die sich keinen Urlaub leisten können und die die Schuld dafür bei der Regierung sehen. Natürlich ist das nur eine Hypothese.

Eventuell haben auch viele Bürger im Sommer das Denken aufgrund der hohen Temperaturen schlichtweg etwas zurückgefahren, so dass die höheren Werte für Herrn Seehofer auf eine mangelnde Hirnaktivität der bundesdeutschen Bevölkerung über 18 Jahren zurückgeführt werden können. Auch das ist natürlich nur eine Hypothese.

Es mag auch sein, dass es sich lediglich um einen Stichprobenfehler und um rein zufällige bzw. normale Schwankungen handelt. Denn wenn es morgen außergewöhnlich viel regnet, dann ist es ziemlich wahrscheinlich, dass es übermorgen weniger regnet. Streuung ist normal und es gibt Zufallsschwankungen. Die Presse erklärt uns mit ihren Aussagen sozusagen den Zufall und seine Schwankungen. Auch das wäre möglich und meiner Ansicht nach eine sehr taugliche Hypothese, wobei ich meine Hypothesen allesamt und grundsätzlich für sehr tauglich erachte.

Sicherlich haben Sie noch weitere Hypothesen, für die es keinen Einsendeschluss gibt.

Von: Jürgen Fischer -