Statistikkritik

Lesch lebt in seinem eigenen Kosmos

Written by Jürgen Fischer. Posted in Statistikkritik

Professor Lesch, der die ganze Welt und den Kosmos erklären kann, erklärt nun auch das Coronavirus. In einem Beitrag am 19. März 2020 bezieht er sich auf eine Theorie, nachdem uns das Coronavirus gar nicht aufgefallen wäre, wenn wir es nicht entdeckt hätten. Diese Theorie meint Herr Professor Lesch wie folgt zu widerlegen (ich habe die wesentlichen Passagen mitgeschrieben, das Video steht auf YouTube):

„Machen wir Statistik und gehen den Zahlen mal tatsächlich auf den Grund. Normalerweise sterben in Italien bei einer Gesamtbevölkerung von 60 Millionen Menschen jeden Tag etwa 2.000 Personen, schwankt natürlich mit den Jahreszeiten.

Gestern, am 18. März 2020, waren es 475 Tote mehr. Das heißt, wir haben eine Steigerung um deutlich mehr als 20 Prozent.“

Dann fragt er eher rhetorisch: „Und was wäre uns in der Statistik nicht aufgefallen?“ Hiermit wollte er zum Ausdruck bringen, dass uns eine solche Abweichung selbstverständlich aufgefallen wäre.

Lieber Professor Lesch, wenn man von etwas keine Ahnung hat, ist es manchmal besser, einfach mal die Klappe zu halten. Ich quatsche zwar auch über fast alles, gebe aber lieber anderen diese Empfehlung. Streuung ist normal und weil das so ist, folgt die Verteilung zufälliger Ereignisse der so genannten Gauß’schen Normalverteilung. Werte verteilen sich um einen Mittelwert, je weiter weg vom Mittelwert, umso seltener treten die Ereignisse auf.

Eine Abweichung von 20 Prozent nach oben oder unten ist mit Blick auf eben diese Normalverteilung ein völlig normales Ereignis, es kommt vor, aber etwas seltener als zum Beispiel eine Abweichung von 10 Prozent. Auch Abweichungen von 100 Prozent sind nichts, was es nichts gibt, es gibt sie halt nur seltener.

Im Durchschnitt wiegt ein Mann in Deutschland 85,2 kg. Es ist gar nicht so selten, dass jemand 20 Prozent weniger und damit 68 kg wiegt. Und einige wiegen auch 100 Prozent mehr. So ist das mit der Normalverteilung.

Das weiß aber auch jeder aus eigener Erfahrung, wenn er kurz über das Wetter nachdenkt. Im Mittel regnet es an einem bestimmten Ort so und so viel Tage im Monat, manchmal regnet es auch an doppelt so viel Tagen wie im Durchschnitt und manchmal regnet es auch gar nicht, beides kommt zwar seltener vor, aber es kommt vor und das durchaus häufiger, als Sie sich das offensichtlich vorstellen können, Herr Professor.

Danach greift Professor Lesch zur Untermauerung seiner These die Stadt Bergamo heraus und versucht es nochmals mit derselben Argumentation. Bergamo hätte ungefähr 120.000 Einwohner und 10 Menschen würden im Durchschnitt in Bergamo im Monat sterben. Im letzten Monat wären es aber 20 im Durchschnitt gewesen.

Überraschend? Nein, normalverteilt!

Dann folgt die Aussage: „Das heißt, die Annahme, dass wir diese Zahlen in der Statistik nicht bemerkt hätten, ist schon heute, am 19. März 2020 falsch!“ Vorgetragen in einem Tonfall und einer Gestik mit der er unterstreichen möchte, dass uns das selbstverständlich aufgefallen wäre.

Ich will gar nicht ausschließen, dass uns das aufgefallen wäre. Wir hätten auch bemerkt, dass es deutlich vom Mittelwert abweicht und dann hätten wir es als eines der eher selten auftretenden Ereignisse abgespeichert und fertig. Denn wir kennen die Normalverteilungsfunktion und wissen, dass es Ereignisse gibt, die halt seltener auftreten.

Im Anschluss macht Professor Lesch noch einen Schlenker in die Wissenschaftstheorie, vermutlich weil er von der Empirie keine Ahnung hat.

Festzuhalten bleibt: Die von Herrn Professor Lesch aufgeführten Beispiele taugen definitiv nicht, um die Theorie zu widerlegen. Die Beispiele untermauern lediglich die Existenz der Normalverteilung zufälliger Ereignisse.

Von: Jürgen Fischer -