Statistikkritik

Klarer Regierungsauftrag in Berlin

Written by Jürgen Fischer. Posted in Statistikkritik

Die Auszählung läuft noch, die ersten Hochrechnungen liegen vor. Die SPD verliert über und die CDU knapp 6 %. Fünf Parteien, Linke, Grüne, CDU, SPD und AfD haben über 14 %. Der selbsternannte Wahlsieger SPD kommt auf ca. 22 %.

Es ist kurz nach 19:00 Uhr. Der Regierende Bürgermeister ist mir nunmehr auf allen Kanälen mit immer wieder der gleichen Botschaft begegnet: „Wir haben einen klaren Regierungsauftrag von den Bürgerinnen und Bürgern erhalten.“

Liebe Freunde der Statistik: Wenn fünf Parteien irgendwo zwischen 14 % und 22 % herumdümpeln, dann hat KEINE Partei einen KLAREN Regierungsauftrag erhalten.

Wer trotzdem der Auffassung ist, dass er mit 22 % einen klaren Regierungsauftrag von den Wählern erhalten hätte, der mag darüber nachdenken, ob es eventuell genau an derart schwachsinnigen Aussagen und Behauptungen liegt, dass sich die Wähler von der Politik verarscht fühlen.

Denn, mein lieber Herr Regierender Bürgermeister Müller, wenn man 22 % erhalten hat, wie viel Prozent haben einen dann nicht gewählt?

Nach Ihren Interviews bin ich mir unsicher, ob Sie diese Rechnung alleine und ohne Hilfe eines Taschenrechners bewältigen können. Sie können daher auch gerne schätzen.

Es sind 78 %, die Sie nicht gewählt haben und von denen Sie keinen Regierungsauftrag erhalten haben. Und Sie werden es vermutlich nicht glauben, aber 78 % sind mehr als
22 %; es sind sogar mehr als dreimal so viel. Da staunste, wa!

Es gibt also aktuell keine einzige Partei, die eine wirklich „klare“ Mehrheit hat. Wir haben derzeit lediglich relative Mehrheiten, also irgendeine Partei hat mehr Stimmen oder Anteile erhalten als jede andere Partei. Man mag das als „klare“ Mehrheit bezeichnen, wenn man Berliner Bürgermeister ist, man muss das aber nicht. Eindeutig und klar wäre eine einfache Mehrheit, also wenn eine Partei mehr Anteile als alle anderen Parteien zusammen erhalten hätte. Eine klare Mehrheit wäre auch eine absolute Mehrheit, wenn beispielsweise eine Partei mehr als 50 % hätte und somit die Regierung alleine hätten bilden können. Dass aktuell in Berlin in Bezug auf die Regierungsbildung wenig klar ist, zeigen die Rechenspielchen, die für mögliche Koalitionen angestellt werden.

Trotzdem gibt es einen klaren Auftrag, und zwar zur Selbstreflexion und zur Veränderung. Darüber einmal nachzudenken, anstatt derart blöde Statements in den Äther abzusondern, könnte helfen.

Von: Jürgen Fischer -