Seuchen

EHEC, voll die Seuche

Written by Jürgen Fischer. Posted in Seuchen

Wir leben in einem tollen Land!

In nur wenigen Stunden ist es uns gelungen, die gesamte Republik vor der drohenden Seuche zu warnen. Und das obwohl nur sehr wenige Menschen überhaupt betroffen waren – bei 80 Millionen Einwohnern gab es zu Beginn gerade einmal 80 Betroffene, viel mehr sind es auch bis heute nicht geworden. Aber wir haben es geschafft, in Nullkommanix die gesamte Welt zu informieren. Klasse, unsere Frühwarnsysteme funktionieren.

In kürzester Zeit hat die Bevölkerung ihre Ernährungsgewohnheiten umgestellt. Eine weitere Verbreitung der Epedemie wurde hierdurch unmöglich. Das ist beeindruckend.

Sicherheitshalber wurden alle möglichen Ursachen von der Tomate über die Gurke bis zur Sprosse vom Ernährungsplan gestrichen. Auch auf Salat haben wir Deutschen, vorsichtig wie wir sind, verzichtet. Wir sind ein weises Volk. Was sind schon die paar Millionen Euro Einbußen im Vergleich zu einem Menschenleben. Wir haben uns richtigerweise gegen die Macht des Geldes und für die Gesundheit und das Leben entschieden. Und das ist gut so!

Auch die Landwirtschaft kann sich letztlich freuen. Geprüfte Qualität beseitigt so manche Unsicherheit der Bauern. Die wussten teilweise auch nicht genau, welche Stoffe während der Produktionskette in die Nahrung einfließen.

Schlauer sind wir jetzt auch. Enterohämorrhagische Escherichia coli, kurz EHEC, kannte bis vor wenigen Wochen keine Sau. Jetzt wissen wir, dass es im Pansen, dem größten der drei Vormägen der Rinder zu finden ist. Säurebeständig und nur wenige tausendstel Millimeter lang. Optimale Lebensbedingungen: 37 Grad Celsius, umgeben von Flüssigkeit, nistet bevorzugt an Darmwänden. Wow, ein ganzes Volk erlangt in kürzester Zeit – auch dank der aktiven Mithilfe des Spiegels – medizinisch biologische Fachkenntnisse, absolutes Expertenwissen. Von wegen Deutschland wird immer doofer.

Die deutschen Mediziner zeigen eindrucksvoll, wie hoch der medizinische Standard und die Fachexpertise in Deutschland sind. Sie haben festgestellt, dass O104:H4 Shiga-Toxin produziert, ein Gift, auf das unser Körper reagiert. Und genau diese Abwehrreaktion ist das Problem. Die Blutgefäßwände entzünden sich und schwellen an, auch im Gehirn. Hört sich nicht gut an und ist auch nicht gut, sondern sogar extrem gefährlich, lebensgefährlich. Dies haben unsere hervorragenden Ärzte nicht nur in kürzester Zeit festgestellt und anlalysiert. Sie haben auch die richtigen und wirksamen Gegenmaßnahmen gefunden und erfolgreich eingesetzt. Klasse, vielen Dank für Ihre tolle Arbeit!

Zum guten Schluss können wir alle noch etwas über Statistik von den Spiegel-Autoren lernen. “Das Epizentrum der Epidemie liegt erkennbar in Hamburg. Beinah jeder dritte Infizierte lebt in der Hansestadt.” Und es gibt weitere deutlich erkennbare Cluster: “Reisegesellschaften, ein Gewerkschafterinnen-Seminar in Lübeck, die Kantine einer Unternehmensberatung in Frankfurt.” Addiert man diese Fälle zu den statistisch normalen EHEC-Fällen, so lässt sich der weitaus größte Teil der EHEC-Epidemie bzw. Seuche erklären. Die Gefahr vom Blitz getroffen zu werden oder im Lotto zu gewinnen, haben vermutlich eine ähnlich hohe Unwahrscheinlichkeit, wie an EHEC zu sterben.

Die Panikmache des Spiegels nimmt aber kein Ende. Die absoluten Zahlen der aktuellen EHEC-Seuche erscheinen offensichtlich auch den Spiegel-Schreiberlingen für eine Seuche zu klein. Aber kein Problem, im wabernden und vielleicht sogar süßen Dunst der Selbstgedrehten halluzinierend finden die Autoren im vorletzten Jahrhundert die Lösung: “1892 ging in der Stadt schon einmal ein aggressiver Durchfallerreger um. Fast 17000 Kranke wurden von den Behörden gezählt. Die offizielle Zahl der Toten belief sich am Ende auf 8605.” Danach verdeutlicht der Spiegel wie sich die Seuche damals ausbreiten konnte und es des Scharfsinns eines Robert Kochs bedurfte, “um das Seuchengeschehen zu begreifen”. Dieser verseuchte Gedankengang gipfelt in der Frage: “Wird es den Forschern diesmal wieder gelingen, den Seuchenzug des neuen Erregers nachzuvollziehen?” Ich frage mich, ob da nicht zusätzlich auch Alkohol im Spiel ist?

der Verursacher

der Verursacher

800 EHEC-Fälle werden in Deutschland im statistischen Mittel in etwa pro der Verursacher Jahr registriert. Nimmt man an, was sicherlich legitim ist, dass aktuell mehr und auch weniger schwere Fälle auffallen, da alle Augen auf EHEC gerichtet sind und jeder beim kleinsten Pups zum Arzt rennt, bewegen wir uns derzeit zwar über dem statistischen Mittel. Aber das ist normal! So ein statistisches Mittel beinhaltet immer auch Ausreißer.

Insofern hat wieder einmal ein statistisch normaler Ausreißer für viel Wirbel, aber auch sehr viel Gutes gesorgt. Wieder ist die Menschheit ein Stück voran geschritten. Künftig werden wir bei ähnlichen Gefahren noch schneller reagieren und noch mehr Menschen retten können. Und vielleicht ernähren wir uns alle mit etwas mehr Bewusstsein.

Tut etwas, anstatt Euch zu empören!

Von: Jürgen Fischer -