Miteinander

Asozial ist in: Über Ausgrenzung und Scheinheiligkeit

Written by Jürgen Fischer. Posted in Miteinander

Ständig fordert irgendwer Solidarität. Natürlich geht es um Solidarität mit der jeweils eigenen Meinung. „Bleib zu Hause“, „Halte Abstand“ oder „Trage Maske“ sind Appelle, die zu Solidaritätsbekundungen geführt haben. „Es geht um Leben und Tod“ ist eine weitere moralisierende Aussage, mit der ebenfalls Solidarität eingefordert wird und die für allen möglichen Unsinn herhalten muss. Allen, die diese Aussage immer wieder strapazieren, möchte ich zurufen, dass es im Leben grundsätzlich um Leben und Tod geht, weil Letzterer unabdingbar zum Leben gehört – das ist eine der wenigen Tatsachen, die wirklich alternativlos ist.

Die Coronazahlen in Deutschland dümpeln seit Wochen vor sich hin. Obwohl der Lockdown vor mehreren Wochen beendet wurde, kam es nicht zu einem Wiederanstieg der Infiziertenzahlen. Ganz im Gegenteil sind die Infiziertenzahlen mit zunehmender Öffnung weiter gesunken. Aber für Zahlen und Fakten interessieren sich die vielen Lautschreier der Solidarität schon seit Beginn der Coronakrise nicht.

Begründet werden die Solidaritätsbekundungen sehr oft mit dem einen Einzelfall, den es in jeder Region in Deutschland gibt, der jünger ist, sehr schwer betroffen war und teilweise noch immer nicht wieder richtig genesen ist. Genauso, wie es diese Einzelfälle gibt, stirbt immer wieder ein Sportler unter 30 Jahren an einem Herzinfarkt, wobei man das nach Auffassung vieler Fachleute und auch der Gläubigen natürlich nicht miteinander vergleichen kann. Es wird gerne ignoriert, dass Menschen aus Vergleichen lernen, zumindest einige.

Scheinheiligkeit und Doppelmoral haben in Coronazeiten Hochkonjunktur. Aktuell werden Gütersloher und Warendorfer ausgegrenzt und der gute Deutsche findet das richtig. „Die sollen dieses Virus nicht zu uns bringen“, bekundet der aufrechte Deutsche in Interviews am Strand der Ostseeküste, während hinter ihm im Bild wahre Kolonien menschlicher Walrösser am Strand eher über- als nebeneinander liegen. Wenn man dick mit Sonnencreme überzogen ist, kann man sich vermutlich nicht anstecken. Gütersloher und Warendorfer werden zum Teil wie Pack behandelt, sie werden angepöbelt, bedroht, man zerkratzt ihre Autos. Heinsberger kennen das. Pauschale Vorverurteilung und Stigmatisierung – da kennt sich der gemeine Deutsche gut mit aus.

Münster hat beschlossen, dass die aus Gütersloh und Warendorf in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen, wenn kein Abstand gehalten werden kann. Die Uniklinik in Münster behandelt die Verseuchten nur noch donnerstags und auch nur dann, „wenn ein negativer Coronatest vorliegt. Das gilt für alle ambulanten und stationären Patienten. Bis auf ein paar Ausnahmen dürfen auch Besucher aus den Kreisen nicht mehr kommen.“ Osnabrück hat für die Verseuchten Folgendes beschlossen: „Keine Besuche von Museen, Ausflugszielen, Veranstaltungsorten und Sportanlagen.“ Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern haben gleich Einreiseverbote erlassen und Österreich hatte vor Reisen nach NRW gewarnt (siehe den Artikel „Gütersloh und Warendorf – wenn die Herkunft zum Stigma wird – Nachrichten“ auf www1.wdr.de).

„Die sollen gefälligst einen Nachweis erbringen, dass sie nicht verseucht sind“, lautet die einhellige Meinung. Wer aus einem Risikogebiet einreist, muss mit Hilfe eines Coronatests, der maximal ein oder zwei Tage alt sein darf, nachweisen, dass er nicht vom Virus befallen ist. Das ist zwar unter Berücksichtigung der Inkubationszeit natürlich weiterhin keine Absicherung, aber man fühlt sich sicherer.

Ich stelle mir die Frage, ob man das Prinzip nicht auf andere Bevölkerungsgruppen oder Krankheiten übertragen kann, beispielsweise auf Rechtsradikale, deren Arm ab und an zum Hitlergruß nach oben schnellt. Könnte man die nicht ebenfalls testen und wer befallen ist, der muss zu Hause bleiben? Auch die unzähligen deutschen Rassisten, die zwar laut eigenem Bekunden grundsätzlich nichts gegen Ausländer haben, ihren Satz jedoch dann regelmäßig mit einem „aber …“ fortführen? Wer zurzeit Gütersloher ausgrenzt, der sollte ebenfalls draußen bleiben, wie Hunde beim Metzger.

Die von uns bisher für unser Bruttosozialprodukt und günstige Fleischpreise ausgebeuteten Arbeiter der Fleischfabriken, die Berichten zu Folge überwiegend aus Bulgarien und Rumänien kommen, sperren wir gleich ein. Es wird ein Zaun um die Häuserblocks gezogen, Polizei baut sich davor auf und die Menschen dürfen nicht mehr raus. So schnell baut man im Jahr 2020 in Deutschland ein Gefangenlager. Ich dachte, ich sehe nicht mehr richtig, als die Bilder durch die Presse gingen. Aber offensichtlich gibt es kaum noch Menschen, die eine solche Vorgehensweise als widerwärtig empfinden. Die breite Masse ist offenkundig für gnadenloses Einsperren der „Verseuchten“.

Die Zahlen in Gütersloh und Warendorf geben im Übrigen keine Veranlassung für die verschärften Maßnahmen. Seit Monaten finden wir „Hotspots“, an denen viele Personen an Covid-19 erkrankt sind. Immer wieder gibt es dieselben Rahmenbedingungen: viele Menschen in einem Gebäude mit einer Klimaanlage. Zudem sieht es danach aus, dass sich die Wirkung des Virus in den Sommermonaten entweder abschwächt oder die Widerstandsfähigkeit der Menschen höher ist. Sowohl die Ausbreitung als auch der Anteil schwerer Verläufe sind bzw. scheinen in Deutschland rückläufig zu sein. Weiterhin sind statistische Schwankungen normal, aber das erschließt sich vielen Menschen nicht.

Wenn man im Umfeld dieser „Hotspots“ deutlich mehr Tests durchführt, wie das regelmäßig geschieht, dann – welch ein Wunder – findet man doch in der Tat auffällig mehr Infizierte. Solche Zusammenhänge sind für Doofe echt verblüffend, für alle anderen normal. Ist doch logisch, dass mehr Tests mehr Infizierte hervorbringen, aber sehr viele haben das bis heute nicht kapiert. Wir sollten an Grenzen, auch an innerdeutschen Landesgrenzen, Intelligenztests durchführen. Blödheit ist weitaus gefährlicher als dieses Virus und die Doofen sollten zuhause bleiben.

Das Sozialverhalten vieler Zeitgenossen in Coronazeiten ist mehr als nur unterirdisch. Sie propagieren „Wir halten zusammen.“ und meinen, „Die bleiben draußen!“. Keiner hält mit Güterslohern und Warendorfern zusammen, die will keiner bei sich haben. „Die sollen bleiben, wo sie sind“ sagt der Scheinheilige hinter seiner Maske und macht zugleich jemand anderen darauf aufmerksam, dass er gefälligst seine Maske richtig aufziehen soll. So ist er, der gute Deutsche, immer schön korrekt und folgt den Anweisungen der Staatsmacht. Und jetzt ist er noch ein bisschen sauberer, weil er sich öfter die Pfoten wäscht, reingewaschen, um guten Gewissens immer das Richtige zu tun. Und wenn es sich anschließend als falsch herausstellt, wird er sich dumm stellen und behaupten, dass er davon nichts wusste.

Von: Jürgen Fischer -