Kultur

Neulich im Amtsgericht

Written by Jürgen Fischer. Posted in Kultur

Neulich brauchte ich einen beglaubigten Grundbuchauszug. Also rief ich beim Amtsgericht an und ließ mich mit der dort zuständigen Stelle verbinden. Ein charmanter und fixer Beamter erläuterte mir in sehr freundlichem Ton die drei Alternativen, die es für die Beschaffung gab. An die ersten beiden kann ich mich nicht mehr erinnern, was aber auch egal ist, ich habe mich für Nummer 3 entschieden: „Sie können den beglaubigten Auszug auch direkt hier vor Ort abholen.“ Auf die Frage, wie lange das dauern würde, bekam ich die Antwort: „90 Sekunden, dann ist die Sache erledigt.“ Ich erwiderte, es war gerade kurz nach 11 Uhr, „Wie lange sind Sie noch da?“ „Bis 12 Uhr“ lautete die Antwort. „Ich bin gleich bei Ihnen“, kündigte ich an.

Von meinem Büro zum Amtsgericht sind es ca. 7 Minuten Gehweg. Die übliche Kontrolle am Eingang verläuft ähnlich wie am Flughafen und es gab ausnahmsweise einmal keine Schlange. An der Information saßen 2 Damen, sich sehr angeregt miteinander unterhaltend. Ihr Blick signalisierte mir, dass ich störe. Daher begrüßte ich die beiden geradezu überschwänglich, wünschte ihnen nicht nur einen guten, sondern gleich einen wunderschönen Tag, bevor ich mich nach dem Weg zum Grundbuchamt erkundigte. Meine Freundlichkeit wirkte, die Damen schenkten mir für einen kurz Augenblick ihre Aufmerksamkeit und zeigten mir den Weg, um gleich im Anschluss weiter zu tratschen. Die Damen hatten offensichtlich Wichtiges zu besprechen.

Am richtigen Zimmer angekommen, klopfte ich und trat ein. Es sah unaufgeräumt aus, Akten wo man nur hinsah. An einem der beiden Schreibtische saß ein älterer Herr mit einem Butterbrot vor sich liegend. Er aß noch schnell eine Kleinigkeit, ehe er gleich um 12 Uhr – vermutlich pünktlich – die Arbeit hinter sich lassen würde. Nennen wir ihn Herrn Müller. Herr Müller war äußerst freundlich, er unterbrach gleich seine Zwischenmahlzeit und begrüßte mich herzlich in regionalem Tonfall. Ich liebe unsere Heimatsprache und stellte mich gleich sprachlich auf ihn ein. Ich sagte ihm, dass ich es wäre, wir hätten soeben telefoniert und ich würde ihn nun gerne 90 Sekunden seiner Zeit wegen eines Grundbuchauszugs in Anspruch nehmen wollen. Er lachte und fragte sogleich, für welches Objekt ich denn einen Auszug bräuchte. Ich antwortete mit Ort, Postleitzahl; Straße und Hausnummer, sagte ihm, dass ich der Eigentümer sei und ein Verkauf anstünde. Er fragte, ob ich noch mehrere Grundbuchauszüge benötigen würde, was mich wiederum zu der Frage verleitete, ob es denn Mengenrabatt gäbe. „Sie kennen doch unseren Finanzminister“, lautete seine Antwort, „da gibt es keinen Mengenrabatt, die kosten alle dasselbe“. Ich signalisierte ihm, dass wir dann nicht weiter ins Geschäft kämen, es bliebe bei dem einen Auszug. Er fragte noch, ob ich diesen einfach oder beglaubigt bräuchte und wie viele Exemplare ich benötigen würde. Beglaubigt und ein Exemplar würde reichen, so meine Antwort.

Während er schon dabei war, auf einem DIN A4 Blatt, auf dem sich diverse einzelne gleich aussehende Streifen befanden, einen der Abschnitte auszufüllen und sodann abzutrennen, fragte ich, was der Spaß mich den kosten würde. Er antwortete, „20 EUR will unser Finanzminister dafür haben“, und gab mir den mittlerweile abgetrennten schmalen Streifen. Dort stand drauf, wie viel ich zu zahlen habe. Er beorderte mich zur Kasse, ich solle dort zahlen und anschließend wieder kommen, bis dahin hätte er alles fertig.

Das war schnell, zumindest bis jetzt. Ich mache mich also auf den Weg zur Kasse, an den beiden Damen vorbei, die weiterhin in ihr Gespräch vertieft waren, in Richtung Cafeteria. Direkt an der offenen Cafeteria, die in einer großen Halle gelegen ist, und damit für alle, die dort Kaffee trinken, bestens einsehbar, befindet sich die Eingangstür zur Kasse des Amtsgerichts. Vermutlich so platziert, damit die vielen Kaffeetrinker etwas zu gucken haben; der Kaffee in der Cafeteria des Amtsgerichts ist aber auch echt günstig, vermutlich weil Richter und Anwälte so schlecht verdienen, schießt es mir durch den Kopf. Mir fällt beim Umsehen auf, dass ich in den letzten Jahrzehnten selten so viele Cordhosen gesehen habe. Tragen Anwälte und Richter mehr Cordhosen (insbesondere rotbraun) als der Rest der Menschheit?

Ich will aber zur Kasse. Draußen an der Milchglastüre, durch die man nicht hindurch sehen kann, steht, „Bitte einzeln eintreten.“ Ich hatte gar nicht vor, die Glastüre einzutreten, auch nicht einzeln und nacheinander, aber vermutlich meinen die etwas anderes. Da ich alleine bin, kann ich nur einzeln eintreten, also trete ich ein. Ein Fehler, ein großer Fehler, wie ich schnell bemerke. Ich sehe einen Vorraum und dahinter ein etwas größeres Büro, das durch zwei Schalter vom Vorraum getrennt ist. Am von mir aus gesehen linken Schalter steht ein Pärchen, hinter der Glasscheibe eine Dame, die drei sind in ein Gespräch vertieft. An dem anderen Schalter direkt rechts daneben signalisiert mir ein abwinkender Schalterbeamter, dass ich draußen bleiben soll, und zwar durch sehr wildes Gestikulieren. Er winkt so eindrucksvoll, dass ich die Türe unverzüglich wieder schließe.

Vermutlich ist der Herr von Beruf Winker, denke ich so bei mir. Draußen vor der Türe ist nicht erkennbar, ob schon jemand im Kassenraum ist. Daher macht jeder, den das Amtsgericht zur Kasse bittet, erst einmal die Türe auf. Der Mann winkt bestimmt den ganzen Tag. Das wäre doch was für die Sendung mit Robert Lemke, wobei ich mich gleich bei den jungen Lesern entschuldige, die Sendung kennt ihr nicht. Aber bei Robert Lemke musste man anhand einer typischen Geste erraten, was eine Person beruflich macht.

Ich warte und beobachte das Geschehen vor der Türe der Gerichtskasse, wie gesagt, ich stehe in einer ziemlich großen Halle. Die Kasse der Cafeteria ist nur drei Meter von mir entfernt, insofern gibt es viel zu gucken. Mitarbeiter des Amtsgerichts machen entspannt ihre Pause, einige ältere Herren scheinen sich hier regelmäßig zu treffen, der Kaffee läuft gut, kein Wunder bei dem Preis. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es die Tasse für 1,10 EUR. Die belegten Brötchen waren auch sehr günstig.

Nach circa einer Viertelstunde kommt das Pärchen endlich raus und ich kann eintreten. Der Herr hinter dem rechten Schalter winkt wieder. Er signalisiert mir, dass ich an den linken Schalter muss. Ich gehe also zum linken Schalter. Die beiden Schalter liegen übrigens ca. 80 cm bis maximal einen Meter auseinander. Wenn Sie also einen großen Schritt zur Seite machen, stehen Sie jeweils vor dem anderen Schalter. Diese Kleinigkeit ist genauso wichtig wie der Umstand, dass der Raum hinter der Glasscheibe nicht getrennt ist, sondern es sich um einen Raum handelt. Die beiden Schalterbeamten sitzen somit in einem Büro, zwischen ihnen steht ein Tisch und darauf wiederum steht, wenn ich mich recht erinnere, ein Drucker.

Ich trete an den linken Schalter und begrüße die Dame an der Kasse. Ich lege meinen Zahlzettel nebst der Gebühr von 20 EUR in die für die Übergabe vorgesehene Schublade. Die Dame hätte gerne noch meinen Ausweis, den ich sodann zusätzlich in die Schublade lege. Die Dame schließt die Schublade von innen und zieht die Gegenstände zu sich herüber. Danach erfasst sie meine Kontaktdaten und den Zahlungsvorgang für die Erstellung einer Quittung in einem Computer. Als sie damit fertig ist, legt sie meinen Pass auf den Drucker, der zwischen den beiden Schaltern steht und sagt zu mir, dass ich meine Unterlagen am nächsten Schalter erhalten würde.

Ich muss sie ziemlich verstört angeschaut haben, vermutlich habe ich geguckt wie ein Auto oder ein Toastbrot, also wenig gehaltvoll. Ich verharrte bewegungslos an derselben Stelle, es war eine gewisse Schockstarre. Wollte sie mir nun ernsthaft mitteilen, dass ich einen „80-Zentimeter-Sidestep“ machen sollte, damit ich am Schalter direkt daneben meine Unterlagen erhalte? Sie registrierte offensichtlich meine Irritation und sagte „Ihre Unterlagen erhalten Sie an Schalter 2.“

Ich stand somit also an Schalter 1 und sollte nun zu Schalter 2, der sich in einer Entfernung von wie gesagt circa 80 cm befindet. Warum kann sie mir die Quittung und meinen Pass nicht selber geben? Fällt das nicht in ihren Zuständigkeitsbereich, mangelt es ihr für die Herausgabe von Unterlagen an der Qualifikation, braucht man dafür eine spezielle Ausgabelizenz?

Ich dachte, hier läuft irgendwo eine versteckte Kamera. Dem war aber nicht so, die Dame meinte es ernst. Es dauerte eine Weile, bis ich endlich wieder handlungsfähig war. Ich verabschiedete mich also an Schalter 1 und ging mit einem einzigen Schritt zur Seite zu Schalter 2. Dort saß der Ihnen schon bekannte Winker, der jedoch eine weitere wichtige Funktion ausübte. Er nahm sich meinen Ausweis vom Drucker und studierte ihn ausgiebig von beiden Seiten. Warum er das tat, war für mich nicht ersichtlich. Ein Abgleich mit der Quittung erfolgte jedenfalls nicht. Vermutlich kennt der Herr die halbe Stadt, weil er aus Neugier Pässe studiert. Er legte die Quittung und meinen Ausweis in die Schublade und schob mir die Unterlagen mittels der beweglichen Schublade herüber. Freundlich verabschiedete ich mich nun auch von dem Herrn an Schalter 2 und verließ den Kassenraum nachdenklich.

War hier eine Unternehmensberatung am Werk, die einen sicheren Prozess aufgesetzt hatte? Handelte es sich um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme? War es ein öffentlicher Parkraum für Personalüberschuss? Wurde jemand eingearbeitet? Hatte es rechtliche Gründe, schließlich war ich im Amtsgericht.

Mir fielen für das soeben Erlebte keine vernünftigen Gründe ein. Musste man das Vier-Augen-Prinzip einhalten? An der Kasse in meiner Sparkasse steht aber immer nur eine Person, die würden sich zu zweit auch im Weg stehen. Das Vier-Augen-Prinzip braucht man beim Prüfen des Kassenbestands, aber nicht den ganzen Tag. Das konnte es also nicht sein.

Vielleicht hat es etwas mit Datenschutz zu tun. In größeren Filialen sind jedoch häufig zwei Kassen nebeneinander, manchmal ist eine kleine Trennwand dazwischen, das konnte es also auch nicht sein. Meine Gedanken kreisten weiter. Eine solche Trennwand war vermutlich aus Brandschutzgründen im Amtsgericht nicht installierbar. Irgendein guter und extrem wichtiger Grund etwas nicht zu tun, findet sich schließlich immer.

Waren die beiden beamtet? Wenn ja, dann würde ich diesen Unsinn mitbezahlen? Warum wurden die Mitarbeiter nicht selber aktiv und haben dafür gesorgt, dass dieser Quatsch beendet wird? Viele Fragen beschäftigten mich, leider ohne vernünftige Antworten zu finden.

Mittlerweile war ich wieder an der Grundbuchstelle angekommen. Der Mitarbeiter hatte seine Zwischenmahlzeit beendet. Er übergab mir gegen Abgabe des Zahlbelegs meinen beglaubigten Grundbuchauszug und wir verabschiedeten uns freundlich. Die 90 Sekunden hatte er zwar nicht punktgenau eingehalten, aber das machte nichts, er hinterließ einen sehr zufriedenen Kunden.

Beim Hinausgehen sah ich, dass die beiden Damen an der Information weiterhin in ihr Gespräch vertieft waren. Vermutlich quatschen sie auch in diesem Augenblick, wenn sie nicht gerade von fragenden Besuchern gestört werden. Warum sitzen die eigentlich zu zweit da?

Tagtäglich passiert ähnliches in sehr vielen Unternehmen. Hört man auf Unternehmensberater, dann ist die Ursache klar: Wir haben ein Führungsproblem.

Hört man auf seinen gesunden Menschenverstand, kommt man zu der Erkenntnis, dass das nicht richtig sein kann, da wir dieses Führungsproblem dann schon seit ein paar Jahrzehnten hätten und trotz aller Entwicklungsmaßnahmen keine Verbesserung eingetreten ist. Vielleicht waren aber die vielen Entwicklungsmaßnahmen einfach nur die falschen und wir brauchen andere oder es gab insgesamt zu wenig Maßnahmen zur Führungskräfteentwicklung oder … Es gibt unzählige Empfehlungen und Ratschläge von Unternehmensberatern, weiter in Entwicklungsmaßnahmen zu investieren.

Mehr davon macht es jedoch offenkundig nicht besser, das müssten wir so allmählich gemerkt haben. Wir haben schließlich eine Zeitreihe von mehreren Jahrzehnten und können somit empirisch gestützt sagen, dass sehr viele Investitionen in Führungskräfteentwicklung schlichtweg ergebnislos verpuffen. Eventuell, mir ist sehr wohl bewusst, dass es sich dabei um einen gewagten, wenn nicht gar wahnwitzigen Gedanken handelt, sollten wir es einmal mit einem anderen Ansatz versuchen, vielleicht sogar mit einem vollkommen abwegigen Gedanken und Appell:

Liebe Mitarbeiter, wobei mir arbeitende Menschen als Bezeichnung noch besser gefällt, weil ich alle meine, also auch Führungskräfte. Liebe arbeitende Menschen, wenn ihr solchem Unsinn begegnet, und ihr habt tagtäglich die Chance, diesen Unsinn zu entdecken, warum ändert ihr das nicht eigenständig? Sprecht die beiden Kolleginnen an der Information doch einfach einmal an und diskutiert mit ihnen darüber, welchen Eindruck ihr gerne bei Kunden und Besuchern hinterlassen möchtet. Und wenn sie weiter quatschen, dann sprecht sie bitte tagtäglich aufs Neue an. Wenn ihr zu zweit nebeneinander sitzt und die Arbeit nur für einen reicht, warum verlasst ihr nicht den Kassenraum oder die Information und sucht euch im Unternehmen eine sinnvolle Arbeit, etwas, dass euch Freude bereitet und anderen Menschen und eurem Unternehmen etwas nützt.

Sie denken, das geht nicht? Bestimmt haben Sie ganz viele gute Gründe, warum das definitiv nicht geht und man das auf gar keinen Fall machen kann. Sie können dabei bleiben und dann bleibt es wie es ist. Ich bin mir sicher, dass es geht. Ich habe es sogar schon mehrfach erlebt. Zudem bin ich davon überzeugt, dass es sich so entwickeln wird. Man muss nur damit anfangen und gegebenenfalls auf dem Weg dahin ein wenig Überzeugungsarbeit leisten. Warum fangen Sie nicht gleich damit an, dass wird unter Garantie auf- und anregend zugleich und definitiv nicht so einfach; aber es macht Spaß. Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei!

Von: Jürgen Fischer -