Kultur

Kultur im Flug

Written by Jürgen Fischer. Posted in Kultur

Freitagabend, Flughafen Köln/Bonn, Berlin, München oder von mir aus auch Hamburg. Die Elite des Landes trifft sich in grau und schwarz, das Wochenende steht bevor. „Vollpfosten“ verschiedenster Couleur sind zu Hauf vertreten.

Ganz vorne dabei, die Lauttelefonierer. Sie hören sie, ob Sie wollen oder nicht.

Otto-Normalverbraucher macht selten Ortsangaben beim Telefonieren. Kein Mensch sagt im ersten Satz: „Ich bin im Büro“, „ich stehe gerade im Flur“ oder „ich sitze auf dem Klo“. Das will keiner wissen. Am Flughafen ist das anders. Hier lautet die wichtigste Info für den Zuhörer am anderen Ende des Telefons: „Ich bin gerade am Flughafen in München!“ Das Signal für „Ich bin wichtig!“ Wer wichtig ist, der fliegt, regelmäßig. Und der steht am Flughafen und telefoniert, mittendrin statt nur dabei.

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Exemplar „Vollpfosten“

Wer am Flughafen keinen Kopfhörer anhat und laute Musik hört, weiß, dass wir in Deutschland nicht über Datenschutz bei Facebook oder sonst wo reden müssen. Am Flughafen hören Sie Umsätze, da erfahren Sie, wer gefeuert wird, dass der xyz sie nicht mehr alle hat, dass wir die 3 Millionen Euro Umsatz im ersten Quartal geschafft haben, dass der Deal über die 120tausend Euro geplatzt ist. Die geheimsten Unternehmensgeheimnisse werden lautstark und für alle hörbar kommuniziert. Oft schreitet Mann dabei gestikulierend durch die Reihen, Mann braucht Publikum. Es sind fast nur Männer.

Liebe Unternehmer, liebe Top-Manager, verbietet endlich das Telefonieren auf Flughäfen und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das steht im Widerspruch zu all Euren Datenschutzbestimmungen und zum Vertrauen, das Eure Kunden Euch entgegen bringen.

Liebe Kunden, kündigt sofort Eure Verträge bei allen Geschäftspartnern, die mit Euch auch nur ein einziges Mal vom Flughafen aus über wichtige geschäftspolitische Themen sprechen. Wer so mit vertraulichen Informationen umgeht, dem könnt ihr auch anderweitig nicht trauen.

Liebe am Flughafen telefonierenden Vollpfosten, guckt euch um, erkennt das Unverständnis gegenüber Eurer Lärmbelästigung, erkennt diejenigen, die Euer Verhalten lächerlich finden, die untereinander Blicke austauschen, in denen in Großbuchstaben VOLLPFOSTEN steht. Ihr seid gemeint, genau ihr.

Von: Jürgen Fischer -