Irrsinn

Die Süddeutsche entlarvt Falschaussagen (3)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Irrsinn

„Mit unwahren Behauptungen stellen vermeintliche Experten die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in Frage. Wir entlarven die gröbsten Lügen und Missverständnisse.“ Wir, das sind die vermeintlichen Experten der Süddeutschen Zeitung (zu finden ist der Artikel hier).

Die vermeintlichen Experten der SZ-Wissensredaktion entlarven eine Falschaussage nach der anderen, so auch diese: „Die Krankheitswelle ebbte schon vor Beginn der Schutzmaßnahmen ab.“ In dem Artikel behaupten die Presseexperten zunächst, dass die Skeptiker den Rückgang der Ausbreitung des Virus mit dem R-Wert begründen würden. Danach wird über unterschiedliche R-Werte fabuliert und die Presseexperten ziehen das Fazit, dass „R nicht die magische Größe“ wäre, „mit der sich der Verlauf der Epidemie zweifelsfrei vermessen lässt.“ Zumindest diese Aussage ist richtig, denn Ausgangspunkt für den R-Wert sind die dem RKI übermittelten Fälle von Neuerkrankungen pro Tag. Und diese Zahlen sind bekanntermaßen falsch, da logischerweise nur ein geringer Teil der Infizierten überhaupt statistisch erfasst wird.

Allerdings braucht man den R-Wert nicht, um die Aussage, dass die Krankheitswelle schon vor Beginn der Schutzmaßnahmen zurückging, zu belegen. Die SZ-Experten nennen – richtigerweise – den 23.03.2020 als das Datum, an dem „in Deutschland weitreichende Kontaktverbote in Kraft“ getreten sind.

Am Vormittag des 23.03.2020 sagte der Präsident des RKI, Professor Dr. Lothar H. Wieler, in seiner Pressekonferenz, dass er einen Rückgang in der Zunahme erkennen kann. Er wäre „vorsichtig optimistisch, dass sich die Ausbreitung des Coronavirus leicht verlangsamt und sich damit der Anstieg der Coronavirus-Fälle in Deutschland leicht abschwächt“. Das nennt man umgangssprachlich abebben. Prof. Wieler wies übrigens in derselben Pressekonferenz explizit darauf hin, dass es eigentlich etwas zu früh sei, weil die Maßnahmen ja erst vor Kurzem ergriffen wurden.

Prof. Wieler höchst selbst hat folglich die Aussage bestätigt, die die Presseexperten nunmehr angeblich widerlegen. Wer da wohl recht hat?

Dass Prof. Wieler recht hat, kann übrigens jeder sehr leicht selbst nachvollziehen, in dem er sich die täglichen Neuinfektionen im März in ein Tabellenkalkulationsprogramm schreibt. Alternativ kann man sich auch die täglichen Neuzuwächse in der interaktiven Karte der Berliner Morgenpost ansehen (zu finden hier). Es zeigt sich ein degressiver Kurvenverlauf, d.h., die Anzahl der täglichen Neuinfektionen stieg zwar absolut gesehen an, allerdings nahm sie relativ gesehen ab. Während wir anfangs ca. alle zwei Tage eine Verdopplung hatten, dauerte es Mitte März schon länger, bis es zu einer Verdopplung kam. Erstens zeigte sich dieser Effekt trotz einer deutlichen Erhöhung der durchgeführten Tests. Zweitens wurden die Tests deutlich gezielter durchgeführt. Drittens identifizierte man die Menschen, mit denen Infizierte in Kontakt standen, zunehmend besser. Viertens entdeckte man einige Cluster. All diese Effekte tragen zu einem Anstieg der täglich identifizierten Neuinfektionen bei. Die Anzahl der täglichen Neuinfektionen hätte also relativ gesehen zunehmen müssen. Allerdings konnte man genau das eben nicht erkennen. Ganz im Gegenteil nahm die tägliche Zunahme ab und es zeigte sich ein degressiver Anstieg, was die These untermauert, dass es bereits vor dem Lockdown zu einem deutlichen Rückgang der Infektionswelle gekommen ist.

Trotzdem kommen die Presseexperten zu der Erkenntnis, dass erst die staatlichen Maßnahmen das Abebben bewirkt hätten. Was anderes hätte schließlich auch nicht zur Überschrift ihres Artikels gepasst.

Zusätzlich zu den aufgeführten Nachweisen hätten die SZ-Experten auch einen Vergleich zwischen Bundesländern durchführen können. Dann hätten sogar sie entdeckt, dass die staatlichen Maßnahmen allenfalls einen geringen Einfluss hatten. Bayern hatte und hat weiterhin die schärfsten Maßnahmen und die schlechtesten Zahlen. Auch durch einen Vergleich der europäischen Staaten lässt sich die These der Presseexperten nicht stützen. Oder mit anderen Worten, die Presseexperten haben rein gar nichts entlarvt. Sie haben allenfalls offen gelegt, dass sie nur vermeintliche Experten sind, die obendrein schlecht recherchiert haben.

Von: Jürgen Fischer -