Denkfehler

Wir fragen nach dem Sinn und interessieren uns für den Menschen (14)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Der zwölfte der 52 Denkfehler „The Story Bias“ erklärt, „Warum selbst die wahren Geschichten lügen“. Da hat der Denkfehlertheoretiker uns alle der Lüge überführt, die wir Geschichten so lieben. Kommen wir daher zu meiner subjektiven Wahrheit und Sie bilden sich Ihre, denn „Das ist der Story Bias“ (Sie wissen es schon, es müsste das Story-Bias heißen). Darum geht es: „Geschichten verdrehen und vereinfachen die Wirklichkeit. Sie verdrängen alles, was nicht so recht hineinpassen will“.

Als Beispiel dienen einmal nicht Ärzte, Unternehmensberater oder Banker, sondern ein Unfall eines normalen Bürgers und die vermeintliche Berichterstattung der Presse über diesen Unfall. Jemand fährt mit seinem Auto über eine Brücke, die genau in diesem Moment zusammenbricht. Was steht über diesen Unfall in der Presse? Laut Denkfehlertheoretiker werden wir erfahren, wo der Fahrer herkommt, wie alt er ist, was er beruflich macht oder ob er Familie hat und so weiter. Sofern er überlebt, wird er in Interviews gefragt, „wie es sich anfühlte“. Das hätte mich auch interessiert, ist bestimmt ein krasses Gefühl, wenn unter einem der Boden wegbricht.

Aber meine menschlichen Interessen interessieren den Denkfehlertheoretiker nicht. Der nüchterne, sachliche und rationale (= einzig vernünftige) Blickwinkel des Denkfehlertheoretikers klingt so: „Das Absurde: Keine einzige dieser Geschichten ist relevant.“ Relevant sei nämlich nicht das Unfallopfer (also der Mensch), „sondern die Brückenkonstruktion: Wo lag der Schwachpunkt? War es Materialermüdung. …? … war die Brücke beschädigt? … wurde gar ein grundsätzlich untaugliches Konstruktionsprinzip angewandt?“

Das sind nach Auffassung des Denkfehlertheoretikers die wirklich relevanten Fragen und die „lassen sich nicht in eine Geschichte packen.“

Da verunglückt also ein Mensch durch ein außergewöhnliches Ereignis und wir alle begehen einen Denkfehler, wenn wir uns für diesen Menschen interessieren und die Presse ebenfalls, wenn sie unser Interesse bedient. Es soll Führungskräfte geben, die sich in ähnlicher Art und Weise vom Menschen entfernt haben und die nur noch auf Zahlen, Daten und Fakten schauen, während die anderen nach dem Sinn fahnden.

Zur weiteren Verdeutlichung gibt uns der Denkfehlertheoretiker noch eine Aufgabe:

  1. Der Ehemann starb, und dann starb seine Frau.
  2. Der Ehemann starb, und dann starb seine Frau aus tiefer Trauer.

Wir Menschen merken uns die 2. Variante besser, weil Nr. 1 einfache Fakten enthält und Nr. 2 einen Sinn ergibt. Wir wollen verstehen und suchen Zusammengänge, wir fahnden nach Ursache-Wirkungsbeziehungen. Ich finde es toll, dass wir Menschen Sinnsucher sind und unser Geist so gestrickt ist, dass er sich Sinnvolles besser merken kann als lediglich zusammenhanglose Zahlen, Daten und Fakten.

Diese Erkenntnis nutzen Gedächtnissportler, um sich unsinnige Dinge wie elendig lange Zahlenkolonnen zu merken. Sie bauen sie in eine Geschichte ein.

Wir Menschen wollen die Dinge verstehen, eine tolle Gabe. Aus Sicht der Denkfehlertheoretiker ist das „ein Fluch, denn relevante Aspekte werden zugunsten irrelevanter abgewertet“. Und so entschied der Denkfehlertheoretiker einsam und allein über die Relevanz und kam zu falschen Erkenntnissen: „Zur Gegensteuerung: Pflücken Sie die Geschichten auseinander“.

Liebe Lehrer, Professoren usw., erzählt Euren Schülern Geschichten, verdeutlicht, worum es geht und weshalb und wofür man es braucht. Macht es lebendig. Ihr erntet interessierte Zuhörer und Wissende, denn wir sind auf der Suche nach dem Sinn und man hört Euch zu, wenn Ihr Sinn und Sinnvolles vermittelt.

Von: Jürgen Fischer -