Denkfehler

Weniger ist mehr (22)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Denkfehler Nummer 20 aus dem Büchlein über Denkfehler von Herrn Dobelli ist „Das Auswahl-Paradoxon“ und es geht darum, „Warum mehr weniger ist“. Weniger ist mehr, das kennt jeder. Insofern darf man kaum neue Erkenntnisse erwarten. Aber wer sich abgrenzen will, dreht den Spieß herum und erläutert uns, warum mehr weniger ist. Umgangssprachlich nennt man so etwas wohl verkorkst oder vermurkst.

Hergeleitet wird die Grundthese aus einer Erinnerung unseres Denkfehlertheoretikers an seine eigene Kindheit: „Als ich klein war, gab es drei Arten von Joghurt, drei Fernsehkanäle, zwei Kirchen, zwei Sorten Käse (…), eine Sorte Fisch und eine Art von Telefonapparat“. Wer beim Lesen des Buches „Die Kunst des klaren Denkens – 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen“ bis zu dieser Stelle gekommen ist, kann sich kaum vorstellen, dass unser großer, einzigartiger Denkfehlertheoretiker jemals klein war. Ich vermute, dass er sich schlichtweg vertan hat und es sich um einen kleinen Denkfehler handelt: Er meinte sicherlich „jung“ oder „kurz“, aber sicherlich nicht klein. Er war auch schon als kleiner Bub ein Großer. Früher gab es also weniger Auswahl, auch das ist nichts Neues. Die nächste Grundthese des Denkfehlertheoretikers lautet: „Auswahl macht glücklich.“

Das wird zumindest so behauptet und trifft sogleich auf meinen inneren Widerspruch und wirft Fragen auf: Ist Glück überhaupt ein geeigneter Maßstab und wofür? Ist Glück nicht nur ein kurzfristiger und flüchtiger Gefühlszustand? Sollte es nicht um etwas Längerfristiges gehen, wie beispielsweise Zufriedenheit, wenn nicht gar Lebenszufriedenheit? Erinnere ich mich richtig, sind nicht die Menschen am glücklichsten, die mit weniger auskommen müssen? Sollen etwa alle Menschen, die vor uns gelebt haben, unglücklicher als wir gewesen sein? Das klingt nach ziemlichem Unsinn.

Mich machen allzu umfangreiche Speisekarten völlig fertig. Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, die Auswahl eines einfachen Gerichts wird mir durch unzählige Alternativen erschwert. Zudem stelle ich mir immer wieder die Frage, wie ein einziger Koch all diese Gerichte in guter Qualität hinbekommen will. Wie kann ein Restaurant die für die Vielzahl an Gerichten notwendigen Zutaten immer frisch vorhalten? Eine kleine Speisekarte ist für mich ein Qualitätsindikator bei der Auswahl eines Restaurants und es hat sich empirisch bestätigt, dass dieser einfache Indikator sehr gut funktioniert.

Wenn ich eine neue Jeans brauche, erschlägt mich das unüberschaubare Angebot eines Jeansladens. Es gibt zig englische Bezeichnungen: Boot Cut, Slim Fit, Regular, Skinny, Loose Fit, Tapered, Dark Denim, Stone Washed, Colored, Destroyed … Ich stehe sprachlos davor und will doch einfach nur eine Jeans, am besten eine, die mir gleich passt, damit ich nicht mehrere anprobieren muss.

Zu viel Auswahl empfinde ich als anstrengend, sie macht mich fertig und definitiv nicht glücklich.

Vermutlich haben Sie auch zahlreiche Beispiele, dass zu viel Auswahl Sie nicht glücklich macht. Und jetzt kommt es, Sie werden es kaum glauben, die Denkfehlertheorie ist zu demselben Schluss gekommen: „Es gibt … eine Grenze, bei der zusätzliche Auswahl Lebensqualität vernichtet.“ Was würden wir alle machen, wenn es kein Buch über Denkfehler geben würde, in dem derartig bahnbrechende Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugängig gemacht würden. Eventuell müssten wir sogar noch selber denken.

Zwischenfazit bzw. -frage: Offenkundig kommen wir alle, d.h. normale Menschen und Denkfehlertheoretiker, zu demselben Ergebnis, nämlich dass zu viel Auswahl uns nicht glücklich macht; worin besteht denn nun eigentlich der Denkfehler?

Bahnbrechend klingen die drei Ursachen für „The Paradox of Choice“, denn selbstverständlich darf die englische Bezeichnung für diesen Denkfehler nicht fehlen.

  1. „Große Auswahl führt zu innerer Lähmung.“
  2. „Große Auswahl führt zu schlechteren Entscheidungen.“
  3. „Große Auswahl führt zu Unzufriedenheit.“

Sind das wirklich die „drei Gründe“ für das „Auswahl-Paradox“? Auch ohne genaueres Hinsehen lassen sich die drei auf einen Nenner und in einen Zusammenhang bringen. Die große Auswahl überfordert uns, wir können uns nicht entscheiden, das erhöht unsere Unsicherheit, wir kaufen bei zu großer Auswahl weniger und fühlen uns bei unseren Entscheidungen weniger wohl, weil wir nicht sicher sein können, wirklich die beste Wahl getroffen zu haben. Selbstverständlich lassen sich alle Effekte separieren und man kann jeden einzeln untersuchen. Man kann es aber auch lassen, denn wirklich neue Erkenntnisse sind kaum zu erwarten, die Effekte korrelieren in hohem Maße miteinander, sie stehen miteinander in Zusammenhang.

Zurück zur Zwischenfrage: Worin liegt nun eigentlich der Denkfehler? Darin, dass es ein Zuviel an Auswahl gibt? Das wussten wir doch, es heißt schon sprichwörtlich, weniger ist mehr. In Sprichwörtern steckt oft viel Wahrheit und Weisheit – darum haben sie sich so lange gehalten und darum kann man sich guten Gewissens an sie halten; natürlich nicht an alle. Nachdenken hilft auch hier, um die sinnvollen von den weniger sinnigen zu unterscheiden.

Aber auch „weniger ist mehr“ stimmt nicht immer. Meine Partnerin liebt Schuhe. Es bereitet ihr eine große Freude, stundenlang in den schier unendlichen Weiten der virtuellen Schuhwelten zu reisen und sie genießt diese Reisen; als Zuschauer kann man den Eindruck gewinnen, sie würde in Schuhen lustwandeln. Auswahl macht doch glücklich!

Wie immer gibt es im Fazit eine Empfehlung des Denkfehlertheoretikers: „Überlegen Sie genau, was Sie wollen, bevor Sie die bestehenden Angebote mustern.“ Das können Sie tun, aber sind wir mal ehrlich: Würde uns dann nicht so mancher Spaß verloren gehen? Ich lasse mich gerne inspirieren, gehe auf Entdeckungsreise in den vielfältigen Angeboten und freue mich, wenn ich etwas entdeckt habe, was mir sehr gut gefällt. Wir wissen häufig gar nicht, was es so alles an schönen Dingen gibt, und zwar völlig losgelöst von der Frage, ob wir es wirklich brauchen. Ist das ein Widerspruch zu dem, was ich weiter oben kundgetan habe? Bin ich Mensch?

Der Denkfehlertheoretiker beendet sein Kapitel mit einem Denkfehlerparadoxon, seine Tipps sind ein Widerspruch in sich. „Schreiben Sie Ihre Kriterien auf und halten Sie sich unbedingt daran.“ Spontane Reaktion: „Nöö! Darauf habe ich keine Lust!“ Ich will nicht meine Kriterien aufschreiben und ich will mich schon gar nicht penibel daran halten. Ich will kein eng sitzendes Korsett, das mich einschnürt. Ich will meine Freiheit, besonders beim Entscheiden.

Zudem sollen wir Folgendes beachten: „Gehen Sie davon aus, dass Sie nie die perfekte Wahl treffen werden. Maximieren ist … irrationaler Perfektionismus.“ Wie kommt die Denkfehlertheorie auf die irrige Annahme, dass ich immer die beste Wahl treffen will. Menschen wollen eine gute Wahl treffen und das gilt für die meisten von uns.

Und weil das so ist, sparen sich die meisten das Aufschreiben von Kriterien. Warum sollte ich mich penibel an irgendeine Liste mit entscheidungsrelevanten Kriterien halten, wenn ich nicht die beste, sondern lediglich eine gute Wahl bzw. Entscheidung treffen will, das wäre doch unsinnig, oder? Denken Sie ruhig mal drüber nach.

Von: Jürgen Fischer -