Denkfehler

Ursache und Wirkung verwechseln (2)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Der zweite der 52 Denkfehler erhält die Bezeichnung „The Swimmer’s Body Illusion“. Es ist keineswegs so, dass wir in der deutschen Sprache keine Umschreibung für diesen Denkfehler hätten, aber „Denglisch“ ist sehr beliebt, insbesondere bei Akademikern, Managementberatern, im Marketing und ganz allgemein im „Business“. Man muss sich schließlich abgrenzen vom einfachen Volk, da entwickeln manche ihre eigene Sprache, was im Übrigen gleichermaßen für die meisten Wissenschaften gilt. Aber ist man intellektuell, wenn man Denglisch verwendet oder muss man intellektuell sein, um Denglisch verwenden zu können? Was ist Ursache, was Wirkung?

Im Kapitel zum zweiten Denkfehler erfährt der Leser, dass Nassim Taleb, der Autor des Buches „Der schwarze Schwan“, ein paar Kilos zu viel auf die Waage brachte. Weil er die Figur eines professionellen Schwimmers erlangen wollte, fing er mit dem Schwimmen an. Er schwamm zweimal in der Woche. Nach einiger Zeit stellte er fest, dass er weiterhin nicht den gut gebauten, elegant geformten Köper eines Top-Schwimmers hatte. Das ist die Stelle, an der wir uns dem Denkfehler nähern: „er merkte, dass er einer Illusion auf dem Leim gekrochen war. Die professionellen Schwimmer haben diesen perfekten Körper nicht, weil sie ausgiebig trainieren. … Sie sind gute Schwimmer, weil sie so gebaut sind. Ihr Körperbau ist ein Selektionskriterium, nicht das Resultat ihrer Aktivitäten.“

Was für schöne Körper und gutes Aussehen beispielsweise bei Models gilt, ist selbstverständlich auch auf andere Bereiche übertragbar. So manche Eliteuniversität macht nur mittelmäßigen Unterricht, die Abgänger sind trotzdem sehr gut, weil sich aufgrund des sehr guten Rufs nur die Besten bewerben und wegen des Auswahlverfahrens nur die Allerbesten einen Platz bekommen. (Kleine Randnotiz: Es wird Sie kaum wundern, dass diese brillanten theoretischen Überlegungen von einem Menschen stammen, der an einer (angeblichen) Eliteuniversität studiert hat und der sich somit selbst zu den überdurchschnittlich Guten zählt, vermutlich ein Denkfehler, oder?).

Selbst beim Thema Glück unterliegen wir angeblich dieser Illusion. Glückliche Menschen sind nicht glücklich, weil sie ihren Blick auf das Positive lenken, sondern sie lenken ihren Blick auf das Positive, weil sie genetisch zu den Glückseligen gehören. Daher sollten wir keine Selbsthilfeliteratur lesen, weil diese ausschließlich von den Glücklichen geschrieben wird und die Unglücklichen auch nach dem Lesen weiter unglücklich bleiben werden.

Bei der „Swimmer’s Body Illusion“ geht es also darum, dass Ursache und Wirkung verwechselt werden. In diesem speziellen Fall der Verwechslung von Ursache und Wirkung ist die Ursache ein Selektions- oder Auswahlkriterium, das die Wirkung begründet.

Das Fazit zum zweiten Denkfehler lautet: „Bevor Sie ins Schwimmbecken steigen, werfen Sie einen Blick in den Spiegel. Und seien Sie ehrlich mit sich.“

Der zweite Denkfehler endet also mit den Fazit: Es ist wie es ist. Da kannste nix machen! Das ist eine herrliche Position, um rein gar nichts mehr tun zu müssen und jeglichen Ehrgeiz und jegliche Anstrengung zu vermeiden. Verfallen Sie am besten gleich in vollkommene Lethargie. Bei mir sind es die Gene, die zu dem leichten Bauchansatz führen. Ich bleibe auf der Couch und haue mir noch ein paar Chips rein. Der Schüler sagt sich, ich bin halt nicht so intelligent, daher kann ich keine guten Noten in der Schule schreiben. Vermutlich liegt es gar nicht an mir, sondern an meinen Eltern, die mir nicht hinreichend Intelligenz vererbt haben, sonst würde ich doch deutlich bessere Noten schreiben. Wenn Sie unglücklich sind oder sich vom Leben benachteiligt fühlen, umgeben Sie sich am besten mit Gleichgesinnten, um zusammen noch unglücklicher zu sein oder sich in der Gruppe über die immer stärker zunehmende Benachteiligung zu echauffieren.

„Überall, wo etwas Erstrebenswertes … angepriesen wird, schauen Sie genau hin.“ heißt es, und zwar unmittelbar nach dem Absatz, in dem jegliche Selbsthilfeliteratur verteufelt wird. Folgen Sie dieser Empfehlung und lassen Sie sich durch Selbsthilfeempfehlungen wie beispielsweise in dem Buch über Denkfehler nicht täuschen. Verlassen Sie sich lieber auf sich selbst und bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil – ab und an hilft dabei Nachdenken und oft Ihr gutes Gefühl.

Sie könnten kurz darüber nachdenken, ob man mit zweimal Schwimmen pro Woche als zuvor unsportlicher Mensch schon nach wenigen Wochen ein sichtbares Ergebnis erreichen kann und Sie der Figur eines professionellen Schwimmers auch nur einen Hauch näher gekommen sein können. Umgekehrt geht es in jedem Fall schneller: Schon so einige professionelle Sportler haben sich nach ihrer Karriere in kürzester Zeit eine beachtliche Wampe angefressen. Vom Selektionskriterium des eleganten Körperbaus war ganz schnell nichts mehr zu sehen. Jan Ullrich hatte in so manchem Winter einige Kilos zu viel und sah nicht annähernd so aus, als könne er bei der nächsten Tour de France überhaupt mitfahren.

„Ohne Fleiß kein Preis“ ist kein Denkfehler. Wer Sport treibt, lebt länger. Wer auf seine Ernährung achtet auch. Und wer beides macht, hat eine bessere Figur und schleppt weniger unnötige Kilos mit sich herum. Wer mit Gewichten trainiert, baut Muskeln auf. Wer sehr viel und intensiv lernt, schreibt bessere Noten als wenn er dies nicht macht. Wer sich bemüht und trainiert, mehr auf das Positive und Schöne zu achten, der wird es öfter entdecken und dem ist es mehr bewusst, was sich wiederum positiv auf das eigene Wohlbefinden auswirkt. Logisches Denken hilft, nachdenken über Ursache-Wirkungszusammenhänge bringt Menschen weiter. Evolution stoppt nicht im Verlaufe unseres Lebens, sie geht weiter und wir können sie gestalten – auch uns selbst.

Seien Sie also ehrlich mit sich selbst. Vielleicht müssen Sie einfach nur mehr tun, oder endlich einmal anfangen, etwas zu tun. Mehr bewegen ist für die meisten von uns ein guter Anfang. Wenn Sie aber überhaupt keine Stimme haben und sich alle die Ohren zu halten, während Sie singen, dann sollten Sie keine Karriere als Sänger anstreben oder an irgendeinem dieser Gesangswettbewerbe teilnehmen. Danke!

Von: Jürgen Fischer -