Denkfehler

Sich selbst überschätzen (3)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Der dritte der 52 Denkfehler nennt sich „Der Overconfidence-Effekt“ und es geht um die Frage, „warum Sie systematisch Ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten überschätzen“. So glauben 84 % der französischen Männer, „überdurchschnittlich gute Liebhaber zu sein“ (Zwischengedanke: Bin ich etwa ein Franzose?). Gäbe es keine Selbstüberschätzung und keinen Overconfidence-Effekt müssten jedoch rein theoretisch – also laut Denkfehlertheorie – 50 % über und 50 % unter dem Durchschnitt bzw. dem Median liegen.

Das ist ein ziemlicher Blödsinn, und zwar nicht nur theoretisch. Die Durchschnittsgröße deutscher Männer liegt bei ca. 1,80 m. Das heißt nicht, dass 50 % aller Männer größer und 50 % kleiner sind. Im Extremfall könnte es sein, dass alle 1,80 m groß sind und somit 0 % größer oder kleiner wären. Das gleiche Ergebnis ergibt sich für den Median, also den Wert, der in der Mitte einer nach Größe sortierten Zahlenreihe steht. Da die Franzosen aus deutscher Sicht vermutlich allesamt nur durchschnittliche Liebhaber sind, liegen 100 % im Durchschnitt bzw. auf dem Median. Losgelöst von dieser garantiert vollkommen richtigen Schätzung meinerseits, die ein sehr schönes Beispiel für besagten Effekt ist, zeigt das Beispiel, wie wichtig derartige „Fehleinschätzungen“ für die Existenz der Menschheit sind. Liebe Männer, stellt euch einmal vor, ihr träft auf eure Angebetete und ihr würdet ständig mit dem Gedanken konfrontiert, ich bin unterdurchschnittlich. Da liefe ziemlich wenig bis gar nichts. Und ihr, liebe Damen, stellt ihr euch einmal vor, ihr würdet auf einen derart selbstkritischen Liebhaber treffen und von ihm die Ansage erhalten, wir kommen wohl nicht daran vorbei, aber es wird gleich echt langweilig. Es ist ein Segen für die Menschheit, dass Menschen mit dem Overconfidence-Effekt ausgestattet sind. Wo läge die Geburtenrate in Deutschland, wenn es diesen Effekt nicht gäbe und somit auch noch die dem Kinderkriegen vorausgehenden Tätigkeiten reduziert, wenn nicht gar gänzlich eingestellt würden?

Bei Inhabern von Restaurants grassiert angeblich der Overconfidence-Effekt ebenfalls: „Die Eigenkapitalrendite im Restaurantgeschäft liegt chronisch unter null.“ „Die Restaurantunternehmer subventionieren systematisch ihre Gäste.“ Johann Lafer muss also ein armer Mann sein. Der Inhaber der Pommes-Bude gegenüber meinem Elternhaus hatte das Haus, in dem sich seine Frittenbude befand, nach nur wenigen Jahren gekauft und nach der Öffnung von zwei weiteren Filialen genießt er schon seit Jahren seinen Ruhestand, Mitte 60 ist er noch lange nicht. Vermutlich unterliege ich soeben dem „Überlebensirrtum“, weil nur die Überlebenden sichtbar sind. Die ganzen Gescheiterten verschwinden schnell. Fakt ist, dass die Aussage „Die Restaurantunternehmer subventionieren systematisch ihre Gäste.“ keineswegs verallgemeinerbar ist.

Der Overconfidence-Effekt zeigt sich aber auch bei Großprojekten, es gibt kaum eines, „das schneller und billiger fertiggestellt wird als vorgesehen“. Prognosen über Bauzeiten und die Kosten sind fast schon regelmäßig falsch. Das hat allerdings wenig mit Overconfidence zu tun, sondern mit völliger Dämlichkeit und schwachsinnigen Vergabeverfahren. Wenn in Ausschreibungen das kostengünstigste Angebot den Zuschlag erhält, dann bekommt der Ausschreibende sehr kostengünstige Angebote. Alle Beteiligten wissen bereits in dieser Phase, dass es definitiv teurer werden wird, weil nicht alle Kosten richtig kalkuliert wurden. Planung und Kalkulation werden bei vielen Großprojekten in die Umsetzungs- bzw. Bauphase verlagert. Nachkalkulationen sind daher üblich, weil systemimmanent, und trotzdem wundern sich alle, dass es später genauso auch eintritt. Damit konnte aber nun wirklich keiner rechnen.

Der Overconfidence-Effekt lässt sich regelmäßig im Fernsehen beobachten, bspw. wenn junge Menschen felsenfest davon überzeugt sind, sie hätten eine begnadete Stimme und eine Weltkarriere würde auf sie warten. Allzu oft ist die Singstimme nicht von einer Hupe oder dem Schreien einer Krähe zu unterscheiden. Ist das nun ein Nachteil für die Menschheit? Nein, offensichtlich haben viele Menschen großen Spaß dabei, das gilt sowohl für die Zuschauer als auch für die potenziellen Weltstars, die es mit ihrer Leidenschaft, die zuweilen Leiden schafft, auf eine Bühne und ins Fernsehen gebracht haben. Eine klassische Win-win-Situation.

Zum Ende gibt es zum Denkfehler Nr. 3 noch drei Details. Das erste Detail: Das Gegenteil des Overconfidence-Effekts gibt es angeblich nicht. Diese Aussage ist schlichtweg falsch. Auch dem nicht aufmerksamen Menschen begegnen im Arbeitsalltag nahezu täglich Aussagen wie „Das wird nie was“ oder „Das geht nicht.“, wenn es um irgendwelche Neuerungen oder Änderungen geht. Zuweilen wird in epischer Breite und Tiefe ergänzt, warum es nicht geht oder es nichts wird. Dabei handelt es sich um eine viel zu pessimistische Prognose und immer wieder stellt sich heraus, dass diese Prognose nicht stimmt. Oder ist das dann auch der Overconfidence-Effekt, weil es sich um eine Fehleinschätzung handelt? Darüber können Sie einmal nachdenken.

Manchmal hört man auf die Nachfrage, wie lange es denn dauern wird, bis irgendetwas bearbeitet oder fertiggestellt ist, dass es ganz viel Zeit in Anspruch nehmen würde und es schon eine ganze Weile dauern wird. In Wirklichkeit ist es häufig in wenigen Minuten erledigt. Wird die eigene Schnelligkeit mit hoher Regelmäßigkeit unterschätzt?

Das zweite Detail: „Frauen überschätzen sich weniger.“ Ich frage Sie: „Wer hat den besseren Geschmack?“ Sehen Sie, Ihre Antwort auf diese Frage belegt, dass diese Aussage nicht stimmt.

Das dritte Detail: „Auch … Pessimisten überschätzen sich – nur weniger.“ Da sich alle Menschen überschätzen und es sich um eine offenkundig urmenschliche Eigenschaft handelt, verwundert dieses Detail nicht. Interessanter ist eher die Aussage, dass „nicht nur Optimisten unter dem Overconfidence-Effekt leiden“. Ich habe noch nie darunter gelitten, nicht zu den falschen 50 % zu gehören, Sie?

Ganz zum Schluss wird in den 52-Denkfehlern ein Fazit gezogen: „Gehen Sie bei allen Plänen immer vom pessimistischen Szenario aus. Damit haben Sie eine wahre Chance, die Situation einigermaßen realistisch zu beurteilen.“

Sie haben eine wahre Chance, sich in einem Erdloch einzugraben und nicht mehr an die Erdoberfläche zurückzukehren. Denn wo führt das hin? Sie laufen bei schönstem Wetter als einziger mit einer dicken Jacke, einer Wollmütze und einem Regenschirm durch die Gegend. Bei dem Aufzug werden Sie keinen Partner finden. Und Pläne stellen Sie besser erst gar nicht auf, den pessimistischsten aller Pläne will doch kein Mensch ausarbeiten und erst Recht kein Mensch umsetzen.

Ich möchte Ihnen raten, lassen Sie diesen Quatsch und überschätzen Sie ruhig weiter Ihr Können, Ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten – das bringt Sie nach vorne und macht obendrein auch noch Spaß und sorgt für Lebensfreude. Denken Sie mal drüber nach.

Von: Jürgen Fischer -