Denkfehler

Sag ich doch 2 (8)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Wir sind weiterhin beim siebten der 52 Denkfehler, der Mutter aller Denkfehler, genannt „The Confirmation Bias“, der zusätzlich mit „Murder your darlings“ beschrieben wird.

Jetzt wird es schwammig, denn die Behauptung lautet: „Je schwammiger … eine Theorie, desto stärker der Confirmation Bias“ (also das Bias und der Bestätigungseffekt“. „Wer mit der Idee, Menschen sind gut, durchs Leben geht, wird genug Bestätigung für diese Theorie finden.“ Und Gleiches gilt für diejenigen, die an die These „Menschen sind schlecht“ glauben. Beide werden, so die Annahme, nicht zur These passende Informationen wegfiltern und sich in ihren jeweiligen Grundannahmen bestätigen.

Zunächst einmal muss darauf eingegangen werden, dass die Grundthese „Je schwammiger … eine Theorie, desto stärker der Confirmation Bias“ schlichtweg falsch ist. Wer dies behauptet, der ist in seinem Leben noch nie an einen wahren Fachmann, an eine Koryphäe geraten, wohl zu unterscheiden, von der Konifere, bei der er sich um ein Nadelholz handelt. Allerdings ist die Koryphäe manchmal ähnlich starr wie ein Nadelholz. Wer erst einmal in seinem Fachgebiet oben angekommen ist, der lässt in der Regel keine zweite Meinung außer der eigenen zu. Schließlich hat sich die eigene Meinung schon unzählige Male als vollkommen richtig erwiesen, man kann sie schließlich berechnen und man hat den Grad der Weisheit erlangt. Und das gilt in besonderem Ausmaß für sehr viele hervorragende Theoretiker, für zahlreiche Wissenschaftler. Je besser sich eine Theorie berechnen lässt, umso genauer sie also vermeintlich wird, umso stärker ist die Ablehnung jeglicher anderer Sichtweisen ausgeprägt.

Das gilt übrigens gleichermaßen für viele, die einfach nur oben angekommen sind (manchmal ohne jedweden Sachverstand oder Fachkenntnisse), ob in Politik oder Wirtschaft. „Sag ich doch!“ bedeutet auch, „So wird es gemacht!“, „Ich habe Recht!“, „Haben Sie eventuell ein Verständnisproblem?“, „Ist Ihnen etwas nicht klar geworden?“, „Sie müssen schon alle Aspekte mit einbeziehen.“ … Und aus der eigenen Perspektive des Allwissenden mutet die Dummheit der anderen lächerlich und zuweilen jämmerlich an.

Aber zurück zum Denkfehler. Der Philanthrop zeichnet sich durch ein menschenfreundliches Denken und Verhalten aus, der Misanthrop ist der Menschenfeind. Der eine sieht eher das Gute im Menschen, der andere eher das Schlechte und so bestätigt jeder getreu dem Denkfehler seine Sichtweise. Gleiches gelte auch für Astrologen, Wirtschaftsexperten und bei religiösen und philosophischen Überzeugungen – also bei allem Schwammigen.

„Keine Berufsgattung leidet stärker am Confirmation Bias als die Wirtschaftsjournalisten.“ heißt es. Die stellen „eine billige Theorie auf, setzen zwei, drei Beweise hinzu, und fertig ist der Artikel“. Da macht keiner mehr eine vernünftige Recherche, keiner versucht seine Hypothesen zu hinterfragen, man sucht sich etwas Passendes und schreit es in die Welt. Der Journalist übergeht alles, was seiner Auffassung widerspricht, weil ansonsten „sein Zeitungsartikel im Eimer“ wäre. So klingt es aus dem Mund des Denkfehlertheoretikers.

Und dann schreibt die graue und weise Eminenz der „Freiherr von jeglichen Denkfehlern“ folgenden Satz: „Ich hingegen würde diesen Artikel einrahmen – eine Perle im Meer der nutzlosen Halbrecherchen.“ In dieser Art und Weise pocht die Koryphäe des makellosen Denkens auf die Richtigkeit seiner Hypothesen und Überzeugungen. Wie war das gleich noch, je schwammiger die Theorie …

Selbsthilfebücher werden übrigens angeblich genauso geschrieben wie Zeitungsartikel. „Banalste Theorien werden aufgetischt“, „Natürlich hat der weise Autor haufenweise bestätigende Beispiele dafür.“ und kommt so zum Fazit: „Es ist jämmerlich, wie viele Leser auf solche Bücher hereinfallen.“ Ob Sie das Buch „Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen.“ in die Kategorie Selbsthilfebuch einordnen, sei Ihnen überlassen.

Der selbsternannte „weise Autor“ findet sicherlich immer wieder Bestätigung für seine vermutlich unendliche Weisheit und der „Freiherr von jeglichen Denkfehlern“ wird an jeder Ecke den Denkfehlern der Nichtweisen begegnen, also dem Rest oder zumindest dem überwiegenden Teil der Menschheit. Schließlich hat er selbst – obwohl nur abgeschrieben, wie ich im Übrigen auch – einige der Denkmuster der Menschen zu großen Fehlern erklärt. Wer den Fehler sucht, der findet ihn. Und wer ihn macht, der sucht ihn gerne und meist bei anderen. So schließt sich der Kreis.

Mein Fazit lautet: Lesen Sie auch Bücher über Denkfehler mit kritischem Geist und suchen Sie nach widerlegenden Hinweisen, Sie werden sie finden, unter Garantie!

Abschließend zu „Murder your darlings“: Ursprünglich waren wohl Schriftsteller damit angesprochen, die sich von lieb gewonnen, aber teilweise überflüssigen Sätzen nur schwer trennen können. Geht mir genauso, ich möchte sie nicht missen und ich fühle mich sau gut damit. Ist das eventuell ein weiterer positiver Effekt dieses Bestätigungsfehlers?

Zwei Fragen bleiben: Erkennen wir Muster und Zusammenhänge eventuell insbesondere deswegen, weil wir Theorien und Hypothesen bilden und nach deren Bestätigung suchen? Werden wir auf diese Art und Weise vielleicht sogar schlauer? Denken Sie mal drüber nach.

Von: Jürgen Fischer -