Denkfehler

Sag ich doch 1 (7)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Der siebte der 52 Denkfehler heißt „The Confirmation Bias“ und wird als „Vater aller Denkfehler“ bezeichnet. Weil es sich um einen Denkfehler handelt, ist es vermutlich keine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, wenn nicht von der „Mutter aller Denkfehler“ gesprochen wird, oder?

Darum geht es: Wir nehmen Informationen so auf und interpretieren sie so, dass sie die von uns in Betracht gezogenen Hypothesen und Überzeugungen bestätigen. Wir nehmen die zu unseren Hypothesen und Überzeugungen passenden Informationen eher wahr, gewichten sie stärker und behalten sie besser in Erinnerung als die Informationen, die gegen unsere Hypothesen und Überzeugungen sprechen.

Man könnte es daher auch das „Pippi Langstrumpf-Prinzip“ nennen: „Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …“ und Kurt Tucholsky meint „Wir alle sehen ja nur, was wir sehen wollen.“ Wahrheit ist subjektiv. Und im Ergebnis stellen wir fest, dass es so ist, wie es ist und wir natürlich, wie eigentlich immer, recht haben: Sag ich doch!

Das Gegenteil zum „Confirmation Bias“ wird vermutlich zur besseren Diskriminierung von weniger intellektuellen Menschen und, „da ein passender deutscher Ausdruck fehlt“, leicht eingängig als „Disconfirming Evidence“ bezeichnet und beschreibt, dass wir Informationen, die nicht unseren Überzeugungen und Hypothesen entsprechen, ausfiltern. „Confirmation Bias“ heißt in Deutsch Bestätigungsfehler und „Disconfirming Evidence“ lässt sich einfach mit widerlegende Be- oder Hinweise übersetzen, die es bei Anwendung einer Falsifizierungsstrategie zu finden gilt, wenn man seine Hypothesen zu prüfen gedenkt, ohne in die Bestätigungsfalle tappen zu wollen. Alles klar?

Manchmal ist es selbst in deutscher Sprache nicht einfach verständlich. Greifen wir auf das Beispiel in dem Buch über die 52 Denkfehler zurück. Irgendwer macht eine Diät und stellt sich jeden Morgen auf die Waage. Wenn er weniger wiegt als am Vortag notiert er dies und registriert, dass die Diät funktioniert. Wiegt er mehr, wertet er das als „normale Fluktuation und vergisst es“.

Ich hege die Vermutung, dass Sie dieselben Gedanken befallen wie mich, als ich dieses Beispiel las: Es handelt sich nicht um einen Denkfehler, sondern um einen Volltrottel, der sich selbst verarscht.

Also greifen wir auf das andere Beispiel aus dem Büchlein über Denkfehler zurück, in dem ein Professor seinen Studenten eine Zahlenreihe vorlegt: 2-4-6. Die Studenten, die mittlerweile geschlechtsneutral Studierende genannt werden, sollten die der Zahlenreihe zugrunde liegende Regel herausfinden. Die Studenten „durften so viele Zahlen nennen, wie sie wollten, aber die Regel nur einmal erraten“. Der Professor antwortete bei jeder Zahl „entweder mit <<Passt auf die Regel>> oder <<Passt nicht auf die Regel>>“.

Es kam, wie es kommen musste. Die meisten tippten als nächste Zahl 8, dann 12, dann 14 und nannten sodann die Regel „immer 2 addieren“. Das war aber falsch.

Ein einziger Student testete alle möglichen Zahlen, positive wie negative. „Offenbar hatte er eine Idee, und versuchte, sie zu falsifizieren.“ Nach einer Zeit sagte er, „die Regel lautet: Die nächste Zahl muss höher sein als die vorherige.“ Das war richtig.

Hieraus wird sodann der Fehlschluss gezogen, dass alle Falschtipper einem Denkfehler unterlegen sind und lediglich ein einziger Held den Denkfehler nicht begangen hat. Aber ist dem wirklich so?

Im wahren Leben treffen wir am häufigsten auf Menschen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit uns selbst haben, und wenn die Ähnlichkeit lediglich darin besteht, dass es sich ebenfalls um Menschen handelt. Genau aus diesem Grund ist unser Vorgehen vielleicht dann doch nicht so blöd, wie uns die Denkfehlertheoretiker dies weismachen wollen. Bleiben wir ganz einfach bei dem skizzierten Beispiel und stellen wir uns vor, dass es nicht darum gehen würde, die anderen hinters Licht zu führen oder es ihnen schwer zu machen. Mit unserer Annahme, dass eine irgendwie geartete Additionsregel angewendet wird, hätten wir vermutlich bei allen Kandidaten, bis auf einen einzigen Querdenker und natürlich den Professor, vermutlich richtig gelegen. Und schon sieht es gar nicht mehr nach einem Denkfehler aus, oder? Denken Sie mal drüber nach.

Weil es aber (im Sinne der Gleichstellung) die „Mutter aller Denkfehler“ ist, beschäftigen wir uns beim nächsten Mal weiter mit diesem urweiblichen Denkfehler. Zudem braucht man 52 Denkfehler um bei einer wöchentlichen Kolumne auf 52 Beiträge zu kommen und damit das Jahr voll zu machen.

Von: Jürgen Fischer -