Denkfehler

Rückwirkend betrachtet ist alles logisch (15)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Der dreizehnte Denkfehler ist „Der Rückschaufehler“. Wir alle werden von ihm parasitär befallen, „weil wir Opfer des Rückschaufehlers … sind.“ Wenn Sie die Historie der anderen Denkfehler mitverfolgt haben, ahnen Sie es vielleicht schon. Opfer erster Art sind die Ökonomen – „es gibt weltweit rund eine Million davon“, also angeblich, denn die Schätzung beruht mit ziemlicher Sicherheit auf einem Denkfehler (siehe hierzu die Ausführungen zum achten Denkfehler).

Die Ökonomen sind schon von dem „Authority Bias“ am stärksten befallen, und jetzt sind sie obendrein auch noch die vom Rückschaufehler am stärksten betroffene Spezies. „Die Finanzkrise erscheint rückblickend als vollkommen logisch und zwingend. Und doch hat kein einziger Ökonom ihren genauen Ablauf vorhergesagt.“ „Selten ist eine Expertengruppe dem Rückschaufehler so sehr auf dem Leim gegangen.“

Die „stringente Geschichte“ der Finanzkrise in kurzer Auflistung hört sich so an: „Ausweitung der Geldmenge unter Greenspan, lockere Vergabe von Hypotheken, korrupte Ratingagenturen, legere Eigenkapitalvorschriften und so weiter.“

Erstens: Wie hoch mag die Wahrscheinlichkeit wohl sein, dass einer der rund eine Million Ökonomen (in Wahrheit sind es deutlich mehr, was Sie bei der Berechnung Ihrer Wahrscheinlichkeit gerne berücksichtigen dürfen) diese „Story“ vorhergesagt hat, sich aber kein Mensch dafür interessiert hat?

Diese Wahrscheinlichkeit tendiert in Richtung 100 %, denn das Extrem ist zwar selten, und von mir aus in diesem Fall auch ganz selten, aber existent.

Zweitens bekommen die Dinge rückwirkend fast immer eine Logik, lernen führt zu Erkenntnis und Verständnis. In der Vorausschau gibt es Ungewissheit, also Dinge, die wir nicht auf dem Schirm haben. In der Retrospektive sind die ungewissen und damit in der Vergangenheit nicht kalkulierbaren Dinge bekannt. Man kann in der Zukunft sogar mathematische Modelle und Verknüpfungen aufstellen und die Wahrscheinlichkeit von Szenarien berechnen. Ist es also ein Rückschaufehler oder ist es Erkenntnisgewinn und wo liegt der Unterschied?

Der Rückschaufehler hat natürlich einzigartige Eigenschaften, so ist er „einer der hartnäckigsten Denkfehler überhaupt“. „Ein CEO, der durch glückliche Umstände zum Erfolg gekommen ist, schätzt die Wahrscheinlichkeit seines Erfolgs rückblickend viel höher ein, als sie objektiv war.“ Vielleicht waren es aber genau diese Eigenschaft und der „gestörte“ Blickwinkel, die ihn erst auf diese Position gebracht haben. Ursache und Wirkung werden gerne verdreht. Fakt ist, der CEO hätte rückwirkend mit seiner Wahrscheinlichkeitseinschätzung Recht behalten, schließlich ist er jetzt CEO.

Der Rückschaufehler ist zudem „gefährlich“, „weil er uns glauben macht, wir seien bessere Vorhersager, als wir es tatsächlich sind.“ Er lässt uns glauben, oder glauben wir am Ende gar selbst? In jedem Fall macht er uns, so der Entscheidungstheoretiker, „arrogant“, schrieb es und schaute arrogant auf uns und unsere Denkfehler herab.

Der Tipp vom Fachmann zum Schluss, um „den Rückschaufehler zu bekämpfen“: „Führen Sie Tagebuch.“ Schreiben Sie also heute schon einmal auf, welche Paare sich in Ihrem Bekanntenkreis bald trennen werden. Dann können Sie später prüfen, ob Sie Recht hatten (oder dafür sorgen, dass Sie Recht behalten).

Mein Tipp: Erkenntnisgewinn ergibt sich dadurch, dass man Hypothesen aufstellt und sie sodann überprüft und nicht dadurch, dass man ein Ergebnis hat und hieraus irgendetwas ableitet. Versuchen Sie sich weiter im Prognostizieren, stellen Sie Hypothesen auf und lernen Sie aus Ihren Fehlprognosen, so wird man immer besser, weil man immer mehr und besser versteht. Es geht nicht darum, nie daneben zu liegen, sondern immer öfter richtig 🙂 Und stellen Sie Ihre eigenen (Lebens-)Hypothesen ab und an einmal kritisch auf den Prüfstand.

Von: Jürgen Fischer -