Denkfehler

Never change a winnig team (21)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

„The Outcome Bias“ ist der neunzehnte Denkfehler im Büchlein über die 52 Denkfehler von Herrn Dobelli und er rät uns „Beurteilen Sie nie eine Entscheidung aufgrund des Ergebnisses“. Der Denkfehler besteht also darin, „Entscheidungen anhand des Ergebnisses zu bewerten“. Nun werden Sie sich vielleicht fragen, wie man eine Entscheidung überhaupt auf Basis eines Ergebnisses treffen kann. Ist das Ergebnis nicht immer erst Folge einer Entscheidung?

Worum geht es bei diesem Denkfehler? Beispielsweise um die Frage, wer ist der bessere. Es waren einmal drei Herzspezialisten. Jeder sollte „fünf schwierige Operationen durchführen“, die Todeswahrscheinlichkeit bei der Operation war hoch und lag bei 20 %. Bei Chirurg A überlebten alle Patienten, bei B starb einer, bei C zwei. Die meisten Menschen halten auf Basis des Ergebnisses A für den besten Chirurgen. Sie auch?

Bei insgesamt 15 Operationen, die die drei Chirurgen insgesamt durchführten, und einer zwanzigprozentigen Todeswahrscheinlichkeit müssten im Durchschnitt drei Personen sterben, und in Summe sind es genau drei. Wir landen also bei Betrachtung aller Ärzte und Operationen beim statistischen Mittel. Ein Arzt trifft genau den Durchschnitt, einer liegt darüber und einer darunter. Aus den aufgeführten Fallzahlen lässt sich auf den ersten Blick rein gar nichts über die Qualität der Ärzte ableiten, die Stichproben sind offenkundig viel zu gering. Das könnte jeder einschätzen, sofern er denn ein klein wenig Ahnung von Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung hat.

Anstatt bei diesem Beispiel über Denkfehler zu philosophieren, sollte lieber die Forderung nach einer soliden statistischen Ausbildung unserer Kinder laut in die Welt geschrien werden. Es ist schließlich keineswegs so, dass es sich um Atomphysik handeln würde, es geht um grundsätzlich einfache und durchaus leicht zu vermittelnde, aber essentielle Zusammenhänge.

In einem weiteren Beispiel geht es um Affen, genauer gesagt um eine Million Affen, wobei Dobelli meiner Hypothese nach eigentlich nicht Affen, sondern Wirtschaftswissenschaftler meint. Der Denkfehler, dass es circa 1 Million Wirtschaftswissenschaftler weltweit geben würde und dass insbesondere diese Wirtschaftswissenschaftler von allen möglichen Denkfehlern am stärksten betroffen sind, taucht in dem Büchlein über Denkfehler wiederholt auf.

Das Beispiel lautet wie folgt: „Eine Million Affen spekulieren an der Börse. Sie kaufen und verkaufen Aktien wie wild und natürlich rein zufällig.“ Sofern der Zufall greift, hat ungefähr eine Hälfte nach einem Jahr gewonnen und die andere einen Verlust erlitten. Wenn Sie die Gewinner jedes Jahr durch 2 teilen, weil rein statistisch bei einer zufälligen Verteilung eine Hälfte einen Gewinn und die andere einen Verlust einfährt, bleibt nach 20 Jahren genau ein Affe übrig, der über einen Zeitraum von 20 Jahren immer richtig gelegen hat. Ich nenne diesen Star aller Affen in Anlehnung an das Originalbuch der 52 Denkfehler von Herrn Dobelli seinem Erfinder zu Ehren (in der Hoffnung, dass er nicht abgeschrieben hat) den Dobelli-Affen. Alternativ fiel mir Helge Schneider und sein Orang-Utan Klaus ein, allerdings war das eine Katze, daher habe ich die Idee wieder verworfen.

Wie hoch mag wohl die Wahrscheinlichkeit sein, dass wir die Geburt des sagenumwobenen Dobelli-Affen, der über einen Zeitraum von 20 Jahren an der Börse ausschließlich Gewinne eingefahren hat, mit anderen Weltstars vergleichen können? Wie entstehen Top-Fußballtrainer, Spitzenmanager, Top-Anwälte oder sonstige Koryphäen? Denken Sie mal darüber nach, insbesondere wenn Sie selbst oben angekommen und in den erlauchten Kreis der Superhelden aufgestiegen sind.

Wenn wir oder die Medien dem Dobelli-Affen besondere Eigenschaften oder eine außerordentliche Strategie als Grund für seinen Erfolg andichten, wie beispielsweise häufigeres Lausen am rechten Ohr, handelt es sich übrigens nicht um das Outcome Bias oder einen der schon bekannten Denkfehler, sondern um unsere bekannte Eigenschaft, dass wir die Dinge verstehen wollen und nach Ursache-Wirkungsbeziehungen suchen. Im Nachhinein ist alles logisch und wir wissen ganz genau, woran es liegt. Diese menschliche Eigenschaft, die Dinge verstehen und toll erklären zu wollen, ist weiterhin gut; wir sollten lediglich unser Spektrum beim Suchen nach möglichen Ursachen um die Kenntnisse um Zufall und Wahrscheinlichkeiten erweitern.

Da der Denkfehlertheoretiker an einigen Stellen etwas ungenau ist, sei noch kurz auf den Unterschied zwischen „Outcome Bias“ und „Hindsight Bias“ eingegangen. Eine Ergebnisverzerrung lässt sich wie folgt verdeutlichen (das Beispiel stammt vermutlich von Amos Tversky): Zwei Menschen haben die Wahl zwischen zwei Spielen. Im ersten Spiel können sie 100 EUR bei einem Münzwurf gewinnen, wenn „Zahl“ oben liegt. Im zweiten Spiel können sie 100 EUR gewinnen, wenn bei einem Würfel die 6 fällt. Rational wäre es, das erste Spiel zu wählen, weil die Gewinnwahrscheinlichkeit deutlich höher ist und bei 50 % liegt. Das gilt auch dann, wenn eine Person das zweite Spiel gewählt hat und zufällig die 6 fällt und die Münze bei der anderen Person nicht auf Zahl fällt.

Was bei diesem Beispiel vielleicht noch für jedermann leicht verständlich ist, sieht im wahren Leben zuweilen anders aus. Aber ist das wirklich falsch? Wie viele von Ihnen hätten Thomas Müller bei der letzten EM keinen Elfmeter schießen lassen? Ich zähle eindeutig zu denen, die ihn nicht hätten schießen lassen und ich werde mich nicht davon abbringen lassen, dass es sich nicht um einen Denkfehler, sondern um eine richtige Entscheidung gehandelt hätte; die ich natürlich vollkommen losgelöst vom Ergebnis und der Tatsache, dass er den Elfer versemmelt hat, getroffen hätte. Thomas Müller hat während der gesamten EM rein gar nichts getroffen, er war für das gegnerische Tor ähnlich gefährlich wie Manuel Neuer. Er hatte zuvor schon mehrere Elfmeter verschossen. Auch wenn er nach außen etwas anderes darstellen mag, ein Stürmer der nicht trifft, steht unter Druck, er setzt sich selbst unter Druck. Und Druck bei einem Stürmer ist nicht gut, urplötzlich fangen Stürmer sogar mit dem Denken an und schon ist alles vorbei. Kein Tor, kein Lauf. Soweit meine höchst professionelle Analyse und Begründung, warum ich Thomas Müller niemals hätte schießen lassen (Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich finde Thomas Müller klasse, auf dem Fußballplatz ist er Weltklasse und am Mikrofon immer wieder äußerst unterhaltsam!)

Bin ich nun dem Outcome Bias verfallen, und Sie vielleicht auch? Ich nicht, und Sie? Entscheidend ist, ob Ihre Antwort vor dem Elfmeter anders ausfiel als nach dem Elfmeter. Wenn Sie schon vorher der Auffassung waren, dass Müller nicht hätte schießen dürfen, dann sind Sie zumindest diesbezüglich denkfehlerfrei (das gilt übrigens auch dann, wenn Sie Wirtschaftswissenschaftler sind). Wenn Sie vor dem Spiel kein klares Veto gegen Müller als Elfmeterschützen eingelegt haben und Sie nun nach dem verschossenen Elfmeter anders denken, dann haben Sie Ihre Entscheidung (Müller Elfmeterschütze ja oder nein?) vom Ergebnis abhängig gemacht.

Aber was ist, wenn sich das statistische Mittel ändert? Bei einer zufälligen Verteilung wie beim obigen Affenbeispiel hat die eine Hälfte gewonnen und die andere verloren. Die Zufallswahrscheinlichkeit für Gewinn oder Verlust liegt bei konstant 50 %, die Sterbewahrscheinlichkeit bei der Operation bei 20 %. Was aber ist, wenn sich diese Wahrscheinlichkeiten ändern, wenn die weiblichen Affen mittels einer Strategie (bspw. Auswahl der Aktien auf Basis der Farbe des Unternehmenslogos) ihre Erfolgswahrscheinlichkeit auf 75 % erhöhen? Oder wenn einer der drei Ärzte aufgrund eines leicht veränderten Vorgehens bei derselben Operation die Sterblichkeitsrate halbiert. Wer Trends erkennen will und vor allem, wer von Trends profitieren will, muss derjenige seine Entscheidungen nicht sogar am Ergebnis festmachen? Denken Sie mal darüber nach!

Das Fazit zum Outcome Bias ist völlig daneben: „Beurteilen Sie nie eine Entscheidung nur aufgrund des Ergebnisses.“ Erzählen Sie das mal einem Paar, das seit 50 Jahren glücklich verheiratet ist. Erzählen Sie es einem Lottogewinner, der gerade die richtigen Zahlen getippt hat und nun mehrfacher Millionär ist. Erzählen Sie es dem Überlebenden nach einer riskanten Operation, dem Gewinner eines Elfmeterschießens, dem Autofahrer, der aufgrund eines ausreichenden Sicherheitsabstands gerade noch vor dem äußerst schweren Unfall zum Stehen kam usw. Sie alle haben aus ihrem Blickwinkel selbstverständlich die richtige Entscheidung getroffen, das kann man doch am Ergebnis ablesen.

Es mag durchaus richtig sein, dass sie mit einer anderen Entscheidung ein ebenso gutes Ergebnis erreicht hätten. Wenn man gewonnen hat und der Sieger ist, kann es jedoch kein besseres Ergebnis geben. Und genau hier trifft Theorie auf Praxis. Während die einen (noch) denken, haben die anderen schon gewonnen. So geht Elfmeterschießen und daher gilt: „never change a winning team!“

Wenn Sie nicht gewonnen, sondern verloren haben, heißt das in der Tat nicht (Achtung: Zustimmung für den Denkfehlertheoretiker), dass Ihre Entscheidung falsch war. Wenn Sie aus guten Gründen so entschieden haben und die Entscheidung auf Ihren Grundfesten und Ihren Werten beruht, dann machen Sie es beim nächsten Mal wieder so. Auch in diesem Fall können Sie mit dem gleichen Team weiter spielen.

Von: Jürgen Fischer -