Denkfehler

Ja Schatz, da hast du vollkommen Recht! (10)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Der achte der 52 Denkfehler, „The Authority Bias“ oder „Warum Sie gegenüber Autoritäten respektlos sein sollten“ hat eine Fortsetzung verdient. Noch „gravierender“ als die Irrtümer von Experten, also Autoritäten, „wiegt die Tatsache, dass wir in Präsenz einer Autorität das selbständige Denken um eine Stufe zurückschalten.“ „Wir gehorchen Autoritäten, selbst dort, wo es rational oder moralisch keinen Sinn macht. Das ist der Authority Bias.“ (wobei es laut Duden das Authority Bias heißen müsste).

Das ist die Stelle, an der Sie inne halten sollten. Wenn Sie gerade diese Zeilen lesen, Sie plötzlich im Hintergrund ein Gemurmel oder Geräusche wahrnehmen, könnte es wieder Zeit für blinden Gehorsam sein. Die meisten von uns haben eine Autorität, also eine Partnerin, oder Sie sind selbst eine solche Autorität, also weiblichen Geschlechts. Es ist ein absoluter Denkfehler, anzunehmen, dass man seiner häuslichen Autorität gegenüber respektlos sein sollte. Wer bitte wagt es, eine solch irrsinnige Empfehlung abzugeben. Die meisten guten Beziehungen leben von einem gut funktionierenden Machtgefüge, also sie hat die Macht (wenn Sie weiblichen Geschlechts sind, sind Sie natürlich gemeint – alle gleichgeschlechtlichen Partnerschaften haben freie Wahl) und er ergibt sich dieser Macht. Manchmal soll in der Tat beim Auftreten der Autorität das selbständige Denken herabgefahren werden, zuweilen gerät Mann in eine Art Dämmerzustand und antwortet aus diesem Zustand heraus „Ja Schatz, Du hast vollkommen Recht!“ Halten Sie dies bei, sicher ist sicher!

Und stellen Sie als Mann in solchen Situationen bitte weiterhin nicht die Frage nach ihrer Rationalität oder gar dem Sinn ihrer Aussage oder Frage. An ihrer Rationalität zu zweifeln oder sie zu hinterfragen ist für ihn mit gravierenden Risiken und Gefahren verbunden, die bei rein rationaler Betrachtung unbedingt vermieden werden sollten. Wir wollen keinen unnötigen Stress, also: „Ja Schatz, Du hast vollkommen Recht, wie immer!“

Eigentlich sollte nach diesen wenigen Worten bereits klar sein, dass auch die zweite Komponente des achten Denkfehlers namens „Authority Bias“ keinerlei Existenzberechtigung hat, zumindest nicht als Denkfehler. Im Gegenteil, diese wunderbare Eigenschaft, die uns von Natur aus gegeben scheint, ist als grundlegende und unbedingt beizubehaltende Denkhaltung für eine gut funktionierende Partnerschaft von existenzieller Bedeutung.

Der vermeintliche Denkfehler wird uns in schon bekannter Weise mit einem älteren Experiment aus dem Jahr 1961 verdeutlicht. Manche Experimente werden über viele Jahrzehnte immer und immer wieder gerne zitiert. Das liegt nicht unbedingt daran, dass sie so bedeutend sind. Manchmal liegt es eher daran, dass man seitdem keine Experimente mehr mit ähnlichem Ausgang durchführen konnte, aber das ist ein anderes Thema. In dem Experiment sollten Testpersonen auf Anweisung des Testleiters, einem Professor, eine andere Person mit zunehmend stärkeren Stromstößen malträtieren (die Rolle wurden von einem Schauspieler wahrgenommen). Die Stromstöße wurden angeblich immer stärker, das vermeintliche Opfer schrie, der Professor wies die Testpersonen im Falle aufkommender Zweifel an, im Sinne der Forschung trotzdem weiter zu machen und über die Hälfte aller Testpersonen erhöhte auf die maximale Stromstärke, und zwar „aus reinem Autoritätsgehorsam“. Zunächst freuen wir uns, dass es in der deutschen Sprache für diesen vermeintlichen Denkfehler doch noch ein so tolles eigenständiges Wort gibt, Autoritätsgehorsam.

Der Beweis für die Existenz des Autoritätsgehorsams scheint wissenschaftlich erbracht, experimentell. Interessant ist, dass Stanley Milgram, das ist derjenige, der das Experiment durchgeführt hat, einen Doktorvater namens Solomon Asch hat. Den kennen wir schon, das war der mit den unterschiedlich langen Strichen. Der hat, ebenfalls experimentell, den Gruppenzwang bestätigt. Auch bei den Experimenten von Milgram mangelt es an Kritik nicht, was man aber, wenn man Denkfehler propagiert, weglässt (= schwerer Bestätigungsfehler!). Von mangelnder Zufallsauswahl der Testpersonen – ob es sich um Schüler des Professors handelt, ist mir allerdings nicht bekannt – bis hin zu den unrealistisch wirkenden schauspielerischen Leistungen und der nicht biotischen Testsituation und dem so genannten Hawthorne-Effekt, der eine Einstellungsveränderung aufgrund des Wissens um eine Testsituation beschreibt, war alles dabei. Das allgemeine Fazit zum Autoritätsgehorsam lautet denn auch: Der Effekt ist bislang nicht hinreichend theoretisch geklärt, was wiederum so viel bedeutet, wie es kann an allem Möglichen liegen.

Angeblich trainieren sich Piloten den Autoritätsgehorsam mittlerweile mühsam ab, da „viele Unfälle“ darauf basieren, „dass der Flugkapitän einen Fehler begeht, der Kopilot dies merkt, aber sich aus lauter Autoritätsgläubigkeit nicht getraut, den Fehler anzusprechen.“ Alleine der Hinweis auf „viele Unfälle“ macht mich stutzig – man sollte sich auf seine Intuition und auf seinen gesunden Menschverstand verlassen – also recherchiere ich, weil ich spontan der Überzeugung bin, dass es so viele Unfälle mit Flugzeugen nicht gibt. Ich finde das Aviation Safety Network und einen Online-Artikel der Welt mit folgendem Zitat von Giancarlo Buono, IATA-Sicherheitsdirektor für Europa: „Wenn man jeden Tag einmal fliegt, könnte man das rechnerisch 6.500 Jahre lang tun, ohne in einen Unfall verwickelt zu sein. Wir verzeichnen für 2013 einen Unfall alle 2,4 Millionen Flüge.“ Die Anzahl der weltweiten Flugzeugabstürze mit Maschinen mit mindestens 14 Sitzplätzen lag im Jahr 2013 bei 29, im Jahr 2012 bei 22 (Aviation Safety Network). Richtig ist, dass hiervon ein relativ hoher Anteil – nach wenig intensiver Recherche ungefähr die Hälfte – auf Pilotenfehler zurückgeführt werden kann. Viel ist vage und relativ.

Die Behauptung, dass diese vielen Unfälle passieren, weil der Kopilot Angst davor hat, den Kapitän auf den Fehler aufmerksam zu machen, ist als Begründung für das Training zumindest fragwürdig. Mir gefällt die folgende Begründung besser: Die Summe voneinander unabhängig getroffener Einzelentscheidungen führt zu besseren Ergebnissen, und dies losgelöst von der Frage, ob oben unten sticht, der Lautere den Leiseren übertönt, der Schnellere den Langsameren etc. Es ist einfach eine Frage des unabhängigen Entscheidens und Bewertens.

Manch einer, der oben angekommen ist, glaubt, es in allen Belangen und bei allen Themen besser zu wissen, das scheint mir der eigentliche Irrtum so mancher Autorität oder vielleicht eher Tollität oder ganz Neudeutsch CEO.

Der gegenteilige Effekt, also „ich glaube denen da oben kein Wort (mehr)“, wird, obwohl viel mehr verbreitet, im Zusammenhang mit „The Authority Bias“ gar nicht erwähnt.

Unsere Denkfehlerautorität schließt, sich selbst den gebührenden Respekt entgegen bringend, mit „Wann immer ich einen Experten treffe, versuche ich, ihn herauszufordern.“ Ich möchte Ihnen empfehlen, bleiben Sie kritisch, bei Experten und vor allem sich selbst gegenüber, und respektvoll im Umgang miteinander. Ich höre gerade etwas … „Ja Schatz, da hast Du natürlich vollkommen Recht!“

Von: Jürgen Fischer -