Denkfehler

Hören Sie ruhig ab und an auf den Rat eines Fachmanns (9)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Der achte der 52 Denkfehler, „The Authority Bias“ oder „Warum Sie gegenüber Autoritäten respektlos sein sollten“ ist schon, wie im Übrigen einige seiner Vorgänger und Nachfolger, in seiner Bezeichnung wenig sinnbehaftet, und dies gleich in mehrerlei Hinsicht. Eine Autorität an sich ist weder ein Irrtum noch ein Fehler. Und die Empfehlung, gegenüber Autoritäten respektlos zu sein, ist schlichtweg dumm, wenn nicht gar saudumm. Autoritäten haben häufig vor allem von einem sehr viel, sie haben Macht. Schon so manch einer hat aus Respektlosigkeit gegenüber einer Autorität seinen Kopf verloren, nicht nur in der Vergangenheit, das soll es auch heutzutage noch geben. Andere verschwinden ganz einfach, sind nicht mehr aufzufinden. Wiederum andere ändern ihre Meinung, ganz im Sinne der Autorität, und überleben.

Es soll aber sogar Autoritäten geben, die sich ihre Autorität, also ihr Ansehen, ihre Anerkennung, ihre Geltung verdient haben und denen Respekt gebührt. Zumeist handelt es sich dabei nicht um solche Menschen, die derartige Empfehlungen abgeben und schon gar nicht um solche, die sich wie der Verfasser der Empfehlungen zu den Denkfehlern als Autor und „Experte“ selbst den Autoritäten zurechnen.

Laut der Denkfehlertheorie gilt Folgendes: „Autoritäten werfen zwei Probleme auf: Erstens die oft ernüchternde Erfolgsbilanz.“ Das Wort „zweitens“ sucht der Leser im weiteren Text vergeblich, daher konzentrieren wir uns auf erstens. Man erfährt, dass es „ca. eine Million ausgebildeter Ökonomen auf diesem Planeten“ gibt und „kein einziger hat das Timing der Finanzkrise exakt vorausgesagt, geschweige denn, wie die Sequenz vom Platzen der Immobilienblase über den Zerfall der Credit Default Swaps bis hin zur ausgewachsenen Wirtschaftskrise ablaufen würde. Nie hat eine Expertengruppe spektakulärer versagt.“

Da hat es diesen dummen Ökonomen aber endlich einmal einer richtig gegeben und aus dem Blickwinkel der meisten Ökonomen in ziemlich despektierlicher Manier bzw. respektlos. Aber Ökonomen sind schließlich auch Experten, damit Autoritäten im Bereich der Wirtschaftswissenschaften und als Autoritäten haben sie sich nach Auffassung des Denkfehlertheoretikers ein hohes Maß an Respektlosigkeit verdient. Ich bin so ein Wirtschaftswissenschaftler, fühle mich jedoch als Autorität von derartigem Palaver nicht angesprochen; oder fühle ich mich so sehr angesprochen, dass ich mich gleich über alle 52 vermeintlichen Denkfehler auslasse? Aus der Perspektive des Juristen handelt es sich um eine Falschaussage, Ökonomen werden diese Ansicht teilen oder einen Denkfehler vermuten.

Aber der Reihe nach. Wirtschaftswissenschaft ist seit langer Zeit in Deutschland das beliebteste Studienfach mit über 200.000 Studierenden. Die angebliche Million ausgebildeter Ökonomen weltweit geht somit ohne jede weitere Recherche sehr weit an der Realität vorbei, es müssen deutlich mehr sein, zumal die Volkswirte hinzugezählt werden müssten und die Bankfachleute und die Sparkassenbetriebswirte ebenfalls. Es gibt also weitaus mehr spektakuläre Versager meiner Art, also Ökonomen. Allerdings habe ich mich in der Vergangenheit nicht mit lang- oder mittelfristigen Prognosen in den globalen Finanzmärkten oder im Immobilienmarkt beschäftigt. Ehrlich gesagt, war mir das völlig egal und es hat mich nicht interessiert. Wie viel Prozent der Ökonomen sich weltweit mit derartigen Fragen beschäftigen, mag ich nicht einschätzen, aber die Anzahl dieser Spezialisten dürfte nicht besonders hoch sein, in den Finanzmärkten geht es um das schnelle Geld. Viele von uns Ökonomen haben somit Glück gehabt, sie sind keine Versager. Oder vielleicht doch, weil wir von über 50 anderen Denkfehlern befallen sind?

Die Ökonomen sind in ihrer Unfähigkeit in gewisser Art und Weise mit den Meteorologen vergleichbar – wohlwissend, dass die Proteste gegen einen solchen Vergleich von beiden Berufsgruppen groß sein werden. Tragen die einen doch meist schicke Anzüge, während die anderen modisch oft weit hinten anhängen und manchmal abhängen, aber man nähert sich an. Wettermann achtet zunehmend mehr auf sein Aussehen und Wetterfrau ohnehin. Meteorologen können vorhersagen, wie das Wetter morgen in Aachen wird. Das machen sie oft richtig, die Vorhersagen stimmen meistens. Wenn sie Regen prognostizieren, wird es regnen, irgendwo in Aachen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, oder auch nicht. Ob es aber exakt um 15:05 Uhr in Aachen Kornelimünster anfängt und um 18:17 Uhr wieder aufhört, können Meteorologen nicht vorhersagen. Derart exakte Prognosen sind bislang nicht möglich. Exakte Prognosen im Sinne einer hundertprozentigen Eintrittswahrscheinlichkeit der Vorhersage sind in vielen Bereichen – aus meiner Sicht zum Glück – nicht möglich. In Köln lebt man (wie anderswo auch) nach dem Motto „et kütt, wie et kütt“. In dieser treffenden Aussage findet die Ungewissheit mit Sicherheit adäquate Berücksichtigung.

Nebenbei sei bemerkt, dass die meisten Ökonomen – und zwar losgelöst von der Frage, ob sie sich überhaupt mit derartigen Prognosen intensiver beschäftigt haben – sehr wohl wussten oder zumindest das Gefühl hatten, dass es sich um eine Blase handelt und diese irgendwann platzen würde. Die meisten Akteure in diesem Spekulations- oder Wettmarkt wähnten sich aufgrund von Rechenmodellen und Prognosemodellen aber auf der sicheren Seite, weil sie fest daran glaubten, dass man das Risiko kalkulieren bzw. in ihren Berechnungen adäquat berücksichtigen konnte. Und wenn man etwas bis auf einige Nachkommastellen auf Grundlage unzählige Faktoren berechnen kann, wird schnell vergessen, dass Ungewissheit sich nicht kalkulieren lässt und die schönen Rechenmodelle lediglich eine gefährliche Scheinsicherheit erzeugen.

Eventuell sollte man bei der Theoriebildung über Denkfehler auch Ergebnisgrößen wie Gewinn und Verlust mit einbeziehen, wobei das nur so eine Idee von mir ist. Die mit Denkfehlern behafteten Ökonomen, also diese Gruppe der Totalversager, haben an der Blase nämlich verdient, und zwar Milliarden. Die doofen Ökonomen wussten, dass „alle“ dieses Spiel mitspielen – oder von mir aus denselben Denkfehler begehen – und so haben viele mit diesem Spiel viel Geld verdient. Spektakuläres Versagen sieht anders aus. Einige dieser doofen Ökonomen haben sogar noch mit den Verlusten beim Platzen der Blase viel Geld verdient. Obendrein sind sie (leider) bis auf wenige Einzelfälle ungeschoren davon gekommen. Klingt das nach Denkfehler?

Die Ökonomen, von denen hier die Rede ist, repräsentieren keinesfalls die gesamte Berufsgattung. Ganz im Gegenteil: Auf die zahlreichen Warnrufe der unzähligen rechtschaffenen und ehrbaren Ökonomen wollte vor lauter Geldverdienen keiner hören. Genau hinhören, macht manchmal Sinn – selber nachdenken noch öfter.

Nach den Ökonomen richtet sich der Mangel an Respekt gegen die Ärzte, denn „bis ins Jahr 1900 war es nachweislich besser, als Kranker nicht zum Arzt zu gehen, weil der Arzt den Zustand nur verschlimmert hätte (mangelnde Hygiene, Aderlass und andere schiefe Praktiken).“ Vermutlich war es im Juli 1901 ähnlich und aus diesem Grund sind die Menschen damals deutlich weniger zum Arzt gegangen als heute und obendrein gab es weniger Ärzte.

Heute gibt es weiterhin eine Vielzahl überflüssiger und unsinniger Behandlungen. Sie können wegen jeder Erkältung zum Arzt rennen und sich Antibiotika verschreiben lassen, und wenn sie diese dann einnehmen, nutzt das weder Ihnen noch Ihrem Körper. Sie können als Frau jährlich zur Mammografie gehen, Ihr Risiko an Krebs zu sterben, ändert sich dadurch nicht. Viele Tests zur Früherkennung, egal ob für Frauen oder Männer, bringen insbesondere ökonomischen Mehrwert für die Ärzte und die Pharmaindustrie. Aufgrund ihrer Ungenauigkeit tragen viele dieser Tests in Summe nicht einmal zur Beruhigung bei, weil die Unruhe einzelner Fehldiagnosen die Beruhigung der anderen überwiegt, zumindest bei Betrachtung der ausgelösten energetischen Konsequenzen. An dieser Stelle möchte ich allen Lesern die Bücher von Gerd Gigerenzer nahe legen, der sich in eloquenter Art und Weise intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt und meiner Ansicht nach sehr gute Empfehlungen gibt, in dem er von so manch unnützer Untersuchung zur Früherkennung abrät.

Anstatt also gegenüber Autoritäten respektlos zu sein, sollten wir blinden Gehorsam vermeiden und mit Selbstdenken herausfinden, was den guten vom schlechten Fachmann unterscheidet. Denken Sie mal drüber nach.

Von: Jürgen Fischer -