Denkfehler

Der erste Gedanke ist oft richtig (12)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Beim zehnten der 52 Denkfehler ist wieder alles im Lot, denn er kommt in Englisch daher: „The Availibility Bias“ oder „Warum Sie lieber einen falschen als gar keinen Stadtplan verwenden“.

„Ein leidenschaftlicher Raucher, der immer wieder von der Bedeutung der Gefahr des Rauchens für seine Gesundheit liest, hört in den meisten Fällen auf – zu lesen“, sagte Winston Churchill und angeblich stammt auch die Devise „no sports!“ von ihm. Churchill wurde 90 Jahre alt.

Meine Mutter hat immer alle Türen offen gelassen, bei ihr wurde noch nie eingebrochen.

Mit derartigen Aussagen wollen Menschen häufig „irgendetwas beweisen“, also beispielsweise das Rauchen gar nicht so schädlich sein kann oder die Angst vor Einbrüchen vollkommen überzogen ist, „doch sie beweisen überhaupt nichts“, sondern sie „sind dem Availibility Bias verfallen“.

In einer Führungsrunde wird der Mitarbeiter Fischer als fauler Hund beschrieben. Sein Chef ist in den letzten Tagen dreimal zu unterschiedlichen Zeiten an der Geschäftsstelle vorbeigefahren, in der der Fischer arbeitet. Jedes Mal stand der Fischer draußen und rauchte gemütlich eine Zigarette.

Selbstverständlich gibt es auch für das „Avaibility Bias“ ein sehr schönes deutsches Wort: Verfügbarkeitsfehler. „Wir machen uns ein Bild der Welt anhand der Einfachheit, mit der uns Beispiele einfallen. Was natürlich idiotisch ist“, lautet die Auffassung der Denkfehlertheorie. Angeblich führt dieser schwerwiegende Denkfehler dazu, dass „wir systematisch das Risiko, durch einen Flugzeugabsturz, Autounfall oder Mord umzukommen“ überschätzen, hingegen „das Risiko, durch Diabetes oder Magenkrebs“ zu sterben unterschätzen.

Aber handelt es sich wirklich gleich um einen Denkfehler, wenn wir einige Todesursachen über- und andere unterschätzen? Oder handelt sich um die Folge von Unwissenheit verbunden mit der Tatsache, dass Schätzungen halt einfach Schätzungen und nicht Wissen sind.

Ist es gar völlig übertrieben, wenn zunehmend mehr Menschen aufgrund einiger Attentate an Orten, die gar nicht mehr so weit von uns entfernt sind, plötzlich Angst vor Bombenattentaten und Terror haben? Oder ist es im Endeffekt sehr hilfreich, wenn mehr Menschen sensibilisiert sind und die allgemeine Achtsamkeit steigt?

Alle genannten Todesursachen fallen übrigens, jede für sich alleine betrachtet, nicht unter die 10 häufigsten Todesursachen. Trotzdem sollten Sie nach rechts und links gucken, bevor Sie über die Straße gehen, auf Ihre Gesundheit achten und Sport treiben. Statistisch soll das alles zu einem längeren Leben verhelfen.

Ärzte und Unternehmensberater sind von dem „Availibility Bias“ – nach Auffassung der Denkfehlertheoretiker –die am stärksten betroffenen Berufsgruppen. Beide haben „ihre Lieblingstherapien, die sie auf alle möglichen Fälle anwenden“, natürlich völlig losgelöst von der Frage, ob die Therapie oder der Beratungsansatz zur Krankheit oder zum Problem passen.

Aufsichtsräte sind offenkundig schlichtweg doof und wurden völlig von dem „Availibility Bias“ unterwandert. „Die Herren diskutieren über das, was das Management ihnen vorlegt (…), statt über Dinge, die ihnen das Management nicht vorlegt.“ Das scheint mir eine grundsätzlich gute Empfehlung zu implizieren: Diskutieren Sie bei Meetings ab sofort nur noch über die Dinge, die Ihnen nicht vorliegen und die dementsprechend nicht auf der Tagesordnung stehen. Das macht bestimmt Spaß, wenn auch nicht unbedingt Sinn. Aber darum geht es nicht, sondern um Denkfehler. Im Falle der Aufsichtsräte sind mit den nicht vorliegenden Dingen beispielsweise ein geschickter „Schachzug der Konkurrenz, das Absacken der Motivation der Belegschaft oder eine unerwartete Veränderung des Kundenverhaltens“ gemeint. Zum Glück kenne ich Aufsichtsräte und -gremien, und die meisten lassen sich so etwas vorlegen und diskutieren darüber. Vermutlich unterliege ich gerade dem Verfügbarkeitsfehler, weil ich von meinen Kenntnissen pauschal und allzu schnell auf die Allgemeinheit schließe, was aber nach der Theorie der Denkfehler ausschließlich zur Ableitung bzw. zum Beweis von Denkfehlern zulässig ist.

Als ich noch aktiv Fußball gespielt habe, war ich übrigens sehr froh, endlich einen Sportarzt gefunden zu haben, der über einen langjährigen und umfassenden Erfahrungsschatz verfügte. Zuvor irrte ich wiederholt durch irgendwelche Praxen, ohne dass mir wirklich geholfen wurde. Der Doc, wie er allgemein nur genannt wurde, diagnostizierte immer treffend, weil er vermutlich schon nahezu jede erdenkliche Sportverletzung unzählige Male gesehen hatte, und er erzielte dank der richtigen Therapie bei mir und zahlreichen weiteren Sporttreibenden in meiner Heimatstadt sehr gute und zumeist schnelle Heilungserfolge. Auch auf diesem Wege nochmals „Vielen Dank Doc! Zum Glück hattest Du das alles „available“!“

So etwas wie das Pendant zum Verfügbarkeitsfehler ist übrigens die Verfügbarkeitsheuristik. Die funktioniert äußerst gut. Sie greift auf das schnell und leicht verfügbare Wissen zurück, also das, was sich quasi eingefleischt hat. Zumeist fleischen sich auf Dauer nur die Dinge ein, die sich bewährt haben, die sich nebenbei erwähnt auch oft in Sprichwörtern wiederfinden.

Diese Verfügbarkeitsheuristik hilft uns hervorragend beim Entscheiden bei unvollständiger, schwer verfügbarer oder wenig präziser Information oder wenn es schlichtweg einfach nur schnell gehen muss. Es heißt nicht ohne Grund „Der erste Gedanke ist oft der beste.“ Sportler treffen intuitiv bessere Entscheidungen, als wenn sie lange darüber nachdenken (National Geographic Deutschland, 2004, Nr. 1, Jan, S. 16, Strategie – Der erste Gedanke ist oft der beste.). Sie machen das bei vielen Dingen ganz genauso: Was ist wahrscheinlicher, an einem Herzinfarkt oder an Lungenkrebs zu sterben?

Die meisten Menschen beantworten die Frage, wie Sie dies vermutlich auch gemacht haben werden, spontan unter Anwendung der Verfügbarkeitsheuristik vollkommen richtig mit Herzinfarkt.

Nächster Erfolg der Verfügbarkeitsheuristik, denn die meisten Menschen antworten ohne jegliche Kenntnis der jeweiligen Einwohnerzahlen korrekt mit New York. Die gleiche Frage können Sie auch für Los Angeles und San Diego stellen, die Verfügbarkeitsheuristik gewinnt wieder.

Sogar Frank Sinatra wird das Availibility Bias unterstellt: Oh, my heart is beating wildly / And it’s all because you’re here. / When I’m not near the girl I love, / I love the girl I’m near. Ich hege auch in diesem Fall die Vermutung, dass Frankie Boy keinen Denkfehler begangen hat, sondern einfach sehr viel Spaß hatte. Und ganz zum Schluss gibt es noch den Hinweis, „allein haben Sie keine Chance, den Availibility Bias zu besiegen“. Mein Tipp: Lassen Sie den Quatsch und fangen Sie erst gar nicht damit an, diese menschliche Gabe besiegen zu wollen. Trainieren Sie Ihre Verfügbarkeitsheuristik lieber, in dem Sie ständig hinzu lernen, Dingen auf den Grund gehen, Hypothesen aufstellen und überprüfen und in dem Sie selbstkritisch bleiben. Denken hilft auch in diesem Fall.

Von: Jürgen Fischer -