Denkfehler

Bundespräsident sollte sich mit der Realität auseinanderzusetzen

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

„Das Virus treibt uns nicht auseinander. Im Gegenteil, es lässt uns zusammenrücken.“, sagte unser Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache.

Die Realität steht in völligem Widerspruch zu diesem Gelaber. Mir fällt dazu wirklich kein besseres Wort ein. Soziale Distanzen, also Distanzen auf der Beziehungsebene zwischen Menschen, sind in der Corona-Pandemie deutlich größer geworden.

Die räumlichen Distanzen beim Arbeiten sind aufgrund eines höheren Anteils an Homeoffice und mobilem Arbeiten gestiegen. Höhere räumliche Distanzen führen zu höheren sozialen Distanzen. Menschen sind soziale Wesen und brauchen den persönlichen Austausch. Die schnelle Absprache auf dem Flur, der kurze Schnack im Büro mit der Kollegin oder dem Kollegen, der Austausch in der Pause, all das findet vielfach nicht mehr statt. Das ist Auseinanderrücken! Und sehr vielen ArbeitsnehmerInnen fehlt dieser wichtige Bestandteil ihres Lebens. Das ist im Unterschied zu der Aussage unseres Bundespräsidenten kein persönlicher Glaube meinerseits, sondern empirisch, also mittels umfassender Befragungen von ArbeitnehmerInnen vieler Unternehmen, abgesichert!

Die sozialen Distanzen in unserer Gesellschaft sind gewachsen. Während einige nicht mehr wissen, ob oder wie es weitergehen soll, freuen sich andere über die hohe Sicherheit ihrer Arbeitsplätze. Einige fänden es hinter vorgehaltener Hand sogar gut, wenn die aktuelle Arbeitssituation immer so weitergehen würde. Andere verfluchen das Berufsverbot. Das treibt uns in Deutschland auseinander.

Politisch wird unser Land schon seit Jahren weiter auseinander und in die Extreme getrieben. Man muss sich nur ansehen, wie viel Prozent extreme Parteien bei Wahlen mittlerweile an sich ziehen können.

Menschen, die die von unserer Regierung in der Corona-Pandemie ergriffenen Maßnahmen einfach nur anders bewerten oder für falsch erachten, was in einem freiheitlichen Staat ihr gutes Recht ist, werden diffamiert. Sowohl die Politik als auch die Medien bezeichnen all diese Menschen pauschal als „Coronaleugner“. Sie spalten hiermit sehr bewusst und absichtlich die Gesellschaft. Da rückt gar nichts zusammen.

Die Unterschiede zwischen arm und reich wachsen weiter an. Auch hier rückt nichts zusammen. Das Gegenteil wird politisch weiterhin gefördert.

Kapital und Arbeit rücken ebenfalls weiter auseinander. Kapital verdient nicht an einem Zuwachs an Arbeitsplätzen, im Gegenteil. Kapital bekommt mittlerweile sogar staatliche Unterstützung bei der Verringerung von Arbeitsplätzen. Hierdurch werden weitere Distanzen geschaffen.

Europa befindet sich im Dauerstreit und ist mittlerweile zu einer reinen Finanzkoalition mutiert. Von einer Wertegemeinschaft war Europa nie weiter entfernt als heute. Das Auseinanderrücken schreitet auch in Europa weiter voran.

Politische Aufgabe wäre es, genau das Gegenteil zu realisieren, nämlich eine Verringerung sozialer Distanzen in unserer Gesellschaft und in Europa. Politik arbeitet allerdings an diesem Ziel kaum noch. Im Vordergrund stehen bei vielen PolitikerInnen Profilierung, Medienpräsenz, der Erhalt oder Gewinn von Posten und ähnliche Zielgrößen. Einige scheinen nicht einmal zu wissen, dass die Verringerung sozialer Distanzen eine der wichtigsten politischen Aufgaben sowie allgemein eine sehr wichtige Aufgabe einer jeden Führungskraft ist. Zusammenrücken und Zusammenhalt geschehen nicht von alleine, dafür muss man etwas tun.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt in seiner Weihnachtsansprache im Widerspruch zu dieser Realität zu folgendem Fazit: „In einer Zeit der Verunsicherung haben wir gelernt, dass wir unserer Demokratie vertrauen können.“

Hiermit beschreibt unser Herr Bundespräsident implizit eine weitere Distanz, die ursächlich für andere Distanzen ist. Gemeint ist die Distanz zwischen der politischen Führung und der Bevölkerung. Diese Distanz steigt, wenn die politische Führung die Meinungen der Bevölkerung ignoriert. Die heutigen PolitikerInnen arbeiten mit großen kommunikativen Anstrengungen an der Meinungsbildung und der Beeinflussung der Bevölkerung. Stattdessen sollten sie sich jedoch darum bemühen, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu verstehen und umzusetzen. Die Distanz zwischen denen da oben und den Menschen an der Basis steigt. In der Folge steigt der Anteil der Menschen, die der Demokratie nicht mehr (das sind wenige) oder weniger trauen (das sind mehr) schon seit Jahren an (entsprechende Studienergebnisse finden Sie in einem Artikel des Focus mit der Überschrift „Deutsche immer unzufriedener mit Funktionieren der Demokratie“ hier). Bei genauem Hinsehen geht es allerdings nicht um das System der Demokratie an sich, sondern um die politischen VertreterInnen, denen man weniger (ver-)traut.

Es wird Zeit, dass sich die Politik mit diesen Fakten auseinandersetzt und die Reduktion sozialer Distanzen als zentrale und wichtige Aufgabe wahrnimmt, anstatt sich in warmen Worten zu ergehen. Auch ein Bundespräsident darf Klartext reden. Allerdings scheint mir der Übergang vom Bundespräsidentenamt zum Kleriker fließend, wobei der Papst deutlich klarere Botschaften ausgesprochen hat (siehe hier): Wir brauchen keine „Geschwisterlichkeit, die aus schönen Worten, abstrakten Idealen, vagen Gefühlen besteht“, es kommt auf die Handlungen an.

Von: Jürgen Fischer -