Denkfehler

Bescheuerter Kopf oder kluger Bauch? (13)

Written by Jürgen Fischer. Posted in Denkfehler

Denkfehler Nummer 11 der 52 Denkfehler hat einen knackigen Titel: „Die-es-wird-schlimmer-bevor-es-besser-kommt-Falle“. „Bevor es besser kommt“ wirft die Frage auf, warum die Denktheoretiker nicht beim Denglish geblieben sind. Es wird jedenfalls besser und „et kütt wie et kütt.“

Zur Verdeutlichung des Denkfehlers gibt es Beispiele, wie schon gewohnt von den von unserem Denkfehlertheoretiker besonders geliebten Berufsgruppen, also den Ärzten und Unternehmensberatern. Der Arzt kommt, wie ebenfalls schon Usus, als erster an die Reihe.

Unser Denkfehlertheoretiker machte Urlaub auf Korsika (ich ahne beim Lesen der Geschichte ein „Story Bias“). Das ist übrigens eine sehr schöne Insel, auf der ich gerade beim Schreiben dieser Zeilen zufällig selbst ein paar Tage Urlaub genießen darf, wobei mich lediglich die Auseinandersetzung mit vermeintlichen Denkfehlern ab und an aus der Ruhe bringt. Zurück zum Denkfehler. Unseren Kämpfer gegen die menschliche Dämlichkeit plagen in seinem Urlaub Schmerzen, die zunehmend schlimmer werden. Nach ein paar Tagen ging er zum Arzt, der ihn an Bauch, Schultern und Knien abtastete. „Langsam vermutete ich, dass er keine Ahnung hatte.“, zitiert er sich selbst. Der Arzt verordnete Antibiotika mit dem Hinweis, „Bevor es besser wird, wird es schlechter.“ So geschah es und unser Denkfehlertheoretiker schlussfolgerte: „Dieser Arzt wusste also, wovon er sprach.“ Aufgrund weiter zunehmender Schmerzen sollte unser Patient die Dosis der Antibiotika von täglich drei auf fünf erhöhen. Schlussendlich landete er beim Flugrettungsdienst und wurde in der Schweiz am Blinddarm operiert. Der Schweizer Arzt konstatierte: „Sie sind der ‚Es-wird-schlimmer-bevor-es-besser-kommt-Falle zum Opfer gefallen.‘“ Ich halte fest: Schweizer Ärzte unterliegen derartigen Denkfehlern nicht, sondern sie enttarnen diese! Unser Denkfehlertheoretiker bestätigt sich selbst und seinen Anfangsverdacht, dass der „korsische Arzt … keinen blassen Schimmer hatte“ mit der Aussage: „Vermutlich ein Aushilfskrankenpfleger, wie sie in der Hochsaison in allen Touristenorten anzutreffen sind.“ Und wenn er das so sagt, dann ist das bestimmt richtig, der Mann ist Theoretiker und schreibt Bücher, eine Autorität!

Wenn Sie mich fragen, und auch, wenn Sie mich nicht fragen, mit einer „Falle“ hat das wenig zu tun. Girgerenzer spricht von mangelnder Risikokompetenz. Ich würde es noch deutlicher als dämlich bezeichnen. Wie komme ich zu dieser Bewertung?

Unser Denkfehlertheoretiker hatte folgende Bewertungsgrundlagen bzw. Indikatoren und Einschätzungen:

  1. Ich habe Schmerzen, starke Schmerzen, und die werden immer schlimmer.
  2. Der korsische Arzt hat keine Ahnung. Ich habe Schmerzen im Unterleib und der tastet mir meine Knie und Schultern ab.
  3. Antibiotika, wofür waren die noch gleich oder wogegen? Zur Behandlung von Infektionskrankheiten und bakteriellen Infektionen. Dreimal täglich soll ich die nehmen, alle 8 Stunden.
  4. Es wird trotzdem schlimmer.
  5. Jetzt soll ich mehr von demselben nehmen, was schon wirkungslos war und mir von einem Ahnungslosen verschrieben wurde. Vermutlich ein Krankenpfleger, das machen die in der Hochsaison überall, Krankenpfleger als Ärzte einsetzen.

Unser Denkfehlertheoretiker ist also der Auffassung, dass der Arzt keine Ahnung hat, seine Schmerzen werden schlimmer und schlimmer, aber er ruft wieder bei dem Ahnungslosen an, der ihm bei Blinddarmbeschwerden Schulter und Knie abgetastet hat.

Falls Sie Denkfehler angekreuzt haben, lesen Sie einfach irgendetwas anderes, Mens Health oder die Brigitte. DAS IST NÄMLICH KEIN DENKFEHLER, DAS IST BESCHEUERT!

Kranke Unternehmen harren noch länger aus, wie uns in den Grundlagen der Denkfehlertheorie am Fall eines CEO verdeutlich wird, „der weder ein noch aus wusste“. Hat der keine Mitarbeiter, frage ich mich. Aber offensichtlich hat er die verloren, zumindest mental, wie es im Sport immer so schön heißt. „Verkäufer unmotiviert“, „Umsätze im Keller“, „Marketingaktivitäten laufen ins Leere“, so wird uns der traurige Zustand beschrieben. Einen solchen Zustand kann natürlich nur eine einzige Person in einem Unternehmen wirklich lösen, der CEO. Und wenn der nicht weiter weiß, kauft er einen Berater ein, der „für 5.000 EUR pro Tag analysierte“ und zu folgendem Befund kam: „Ihre Verkaufsabteilung ist visionslos, und Ihre Marke nicht klar positioniert. Die Situation ist verzwickt. Ich kann das zurechtrücken. Aber nicht über Nacht. Das Problem ist komplex und die Maßnahmen verlangen Fingerspitzengefühl. Bevor es besser wird, werden die Umsätze nochmals zurückgehen.“

Wenn Sie beim Lesen dieser „Analyse“ eines offensichtlichen Spitzenberaters ein merkwürdiges Bauchgefühl verspüren, könnten Sie diesem Gefühl Ihr Gehör schenken, und mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin etwas essen gehen. Den Berater schicken Sie in die Wüste oder nach Bielefeld, dann ist er weg. Einerseits klingt das nicht nach einer halbwegs vernünftigen Analyse, andererseits sind weder ein Lösungsansatz noch ein Plan zur Lösung des Problems erkennbar. Sie würden diesen „Berater“ vermutlich kurzerhand rauswerfen, ich auch.

Nicht jedoch unser CEO, wie ihn die Denkfehlertheorie sich vorstellt. Denn der „heuerte den Berater an“. Es kam, wie es kommen musste. Die Umsätze gingen zurück, im ersten Jahr, und im zweiten Jahr, und im dritten Jahr, dann „feuerte der CEO den Berater endlich“.

Wer so handelt und auf einen solchen Blödsinn reinfällt, der hat eher einen an der Waffel, als dass er einem Denkfehler verfallen ist. Laut Denkfehlertheorie handelt es sich aber um eine Sonderform des Confirmation Bias. Wenn Sie keine Ahnung haben, setzen Sie einen Referenzpunkt mittels pessimistischer Prognose. Wird es besser, freuen sich alle. Geht es weiter bergab, hatten Sie vollkommen Recht, obwohl Sie aus dem Tal der Ahnungslosen stammen. Ausnahmsweise schließe ich mich dem Fazit des Denkfehlertheoretikers zu diesem Denkfehler an „Wenn Ihnen jemand sagt, „es wird schlimmer, bevor es besser wird, sollten bei Ihnen die Alarmglocken läuten“. Vermutlich wären Sie darauf aber auch von ganz alleine gekommen. Denken hilft und vertrauen Sie ruhig Ihrem Bauchgefühl. Wenn Sie den Eindruck haben, dass ein Vorschlag bescheuert ist, dann ist das häufig richtig!

Von: Jürgen Fischer -