Dagegen

Große Empörung gegen die Leitkultur, die Deutschen, den Konsum, SUVs und die Globalisierung

Written by Jürgen Fischer. Posted in Dagegen

Unter dem Titel “Empört Euch – über Euch selbst!” hält Harald Welzer im Spiegel Nr. 28 vom 11.7.2011 ein Plädoyer gegen die Leitkultur der Verschwendung.

Aha, denke ich so bei mir, darauf haben wir gewartet. Endlich mal wieder jemand, der sich empört. Ich freue mich schon auf das Lesen dieses Artikels – sicher wird mein Blutdruck schon nach wenigen Zeilen steigen. Mich nervt dieses Empören zunehmend. Offensichtlich sind “Dagegen sein” und “Sich Empören” derzeit en vogue.

Google liefert knapp 1,7 Millionen Treffer beim Stichwort “empört euch”. Bei Amazon steht, dass Stéphane Hessels Streitschrift mit dem Titel “Empört Euch!” die Welt bewegt. Vielleicht die Welt, mich aber nicht. Herr Hessel wünscht all seinen Lesern nämlich ein “Motiv für die Empörung”. Ein Grund, sich über etwas aufzuregen und es anzuprangern, führe seiner Meinung nach dazu, dass man “militant, stark und engagiert” sei. Das sind ja schöne Aussichten.

Der Humanist erinnert sich an sein Schullatein: Militare – in den Krieg ziehen, Kriegsdienst leisten; militaris: kriegerisch. Das widerspricht allein schon sprachlich meiner pazifistischen Grundgesinnung. Herr Welzer wird in seiner großen Empörung gegen die Leitkultur jedenfalls sehr schnell militant und kriegerisch.

Schon seine Einleitung klingt wenig freundschaftlich. Der “multiple Industriedino Jürgen Großman und sein erneuerbarer Adlatus Fritz Vahrenholt” sind offensichtlich nicht seine Freunde. Welzer brüskiert sich über Herrn Vahrenholt, der in einem Artikel in der “Welt” scheinbar indirekt Bezug zu Artikel 25 der Menschenrechte genommen hat. “Er schrieb, dass die energetische Transformation der Gesellschaft ein “Höchstmaß an Idealismus, Altruismus und Opferbereitschaft” von den Bürgern verlange, was “auf demokratischem Weg nicht zu verwirklichen” sei.”

Einerseits geht es um die Frage, warum die Menschen freiwillig auf Wohlfahrt und Sicherheit verzichten sollten. Schließlich hat nach der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (eben jener Artikel 25) jeder das “Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet.” Andererseits müsste man sich laut Welzer fragen, was ein angemessener Lebensstandard ist und wie dieser Standard global zu definieren sei.

Was denn noch?
Die durchaus berechtigten Fragen werden aber leider nicht beantwortet. Vielmehr verdeutlicht der Autor lediglich, dass wir seiner Ansicht nach keine Antworten auf diese Fragen haben. Ein Dialog mit sich selbst, der einem bekannt vorkommt:

Er: “Schatz, wo sollen wir Essen gehen?”

Sie: “Auf keinen Fall beim Chinesen, da habe ich keine Lust drauf, das liegt mir immer so schwer im Magen. Auch nicht zum Italiener, da waren wir letzte Woche schon.”

Sie wissen, was ich meine. Statt einer Antwort auf eine positiv formulierte Frage erhält man Antworten auf die nicht gestallte negative Frage “Was willst Du nicht?”.

So auch in diesem Fall: “Das gefühlte Menschenrecht auf einen Lebensstandard, der vier Urlaubsreisen pro Jahr, drei Autos pro Familie und das tägliche Wegwerfen von Nahrungsmitteln in aller Selbstverständlichkeit voraussetzt”, wäre nach dem Verständnis von Herrn Welzer sicherlich nicht in Artikel 25 gemeint. “Das Höchstmaß an Opferbereitschaft” bestünde “wohl vor allem darin, bis zu zwölf Monate auf die Auslieferung des bestellten Porsche Cayenne warten zu müssen.”

Die Deutschen (damit sind wir alle gemeint!) hätten schon im letzten Jahr 20 Prozent mehr so genannte Sport Utility Vehicles (SUVs) – fette Karren – als in 2009 gekauft, “um damit durch die deutschen Innenstädte zu pflügen und Kindern und Radfahrern Angst zu machen.”

Lieber Herr Welzer, Sie haben das vollkommen richtig erkannt. Das Hauptmotiv für den Kauf eines SUV ist es, durch die deutschen Innenstädte zu pflügen, um Kinder und Radfahrer in Angst und Schrecken zu versetzen. Die meisten SUV-Besitzer haben sogar eine Zielvorrichtung an Bord, um ihre Trefferquoten zu verbessern.

Nach diesem Rundumschlag gegen die Deutschen und insbesondere die SUVs wird im unmittelbar folgenden Satz darauf hingewiesen, dass die SUV-Fahrer und “Konsumbürger dieses Typs einen wesentlichen Beitrag” zu dem um 5,6 Prozent angestiegenden weltweiten Energiekonsum leisten, der sich auf Rekordniveau bewegt.

Herr Welzer ist übrigens Leiter des Center of Interdisciplinary Memory Research Institute. Ich habe keine Ahnung, was die da machen, ist mir auch egal. Sicher ist, dass Herr Welzer sehr genau weiß, dass das Anwachsen des weltweiten Energiebedarfs insbesondere auf das Ansteigen des Lebensstandards in Schwellen- und Entwicklungsländern zurückzuführen ist und dass hier wiederum China und Indien die vordersten Plätze einnehmen. Dieses Wissen gibt er aber erst im nächsten Absatz zu erkennen. Zunächst scheint ihm eine unmittelbare Verbindung zwischen unserem deutschen Lebensstandard, unseren typischen Konsumgewohnheiten und ganz besonders dem Fahren von SUVs angebracht.

Nach den SUV-Fahrern kommen die Mini-Fahrer an die Reihe. “War zum Beispiel ein Mini vor 50 Jahren tatsächlich klein und transportierte mit 34 PS und 617 Kilogramm Gewicht immerhin vier Personen, gibt es ihn heute als Kompaktwagen, Cabrio, Kombi, Coupé und SUV mit bis zu 211 PS und 1470 Kilogramm Gewicht.”

Da ist es wieder, das SUV. Offensichtlich scheint die gesamte Misere auf SUVs zurückzuführen zu sein. Und nebenbei: Früher fuhren die Autos mit verbleitem Sprit und hatten einen deutlich niedrigeren Sicherheitsstandard. Im Winter musste man die Scheiben von innen freikratzen, damit sie sodann direkt wieder zufroren. Ganz davon abgesehen, hat man sich den Arsch abgefroren, schließlich wurde es bei kurzen Fahrten erst warm, wenn man sein Ziel schon erreicht hatte. Im Fußraum stand bei Regen in so manchem Auto das Wasser, was nicht daran lag, dass man das Verdeck offen gelassen hatte. Ich finde die Autos von heute viel besser, sicherer und zudem deutlich umweltfreundlicher. Obendrein hat man mit 211 PS bestimmt eine sau starke Beschleunigung.

Losgelöst von allen Fakten sieht Herr Welzer das Kernproblem der Nichtrealisierung eines gleichen Lebensstandards für alle Menschen offensichtlich in unseren Konsumgewohnheiten begründet. “In den Haushalten finden sich mehrere Flatscreens, eine Klimaanlage, ein amerikanischer Kühlschrank, der Eiswürfel bereitet (falls mal Dean Martin vorbeikommt) und überhaupt eine sogenannte Landhausküche, mit deren technischer Ausrüstung man auch zwei vollbelegte Jugendherbergen versorgen könnte.”

So sind wir Deutschen halt. Werfen Sie einen Blick in Ihre Küche. Nein, nehmen Sie sich eine Viertel Stunde Zeit und durchschreiten Sie Ihre Küche. Offensichtlich hat Herr Welzer keinen amerikanischen Kühlschrank, nur eine sehr kleine Küche, keine Eiswürfel für seine Drinks, und ein SUV fährt er auch nicht.

Seine ganze Empörung über den in seinen Augen offensichtlich typisch deutschen Konsum ist aber eigentlich nur die Aufwärmphase. Im Kern sieht er das Problem in der Globalisierung. “Von der Globalisierung heißt es, sie entwickle allgemeinen Wohlstand, lasse neue Mittelklassen entstehen und reduziere soziale Ungleichheit und Armut.” Dies sieht Herr Welzer widerlegt: “Ein Siebtel der Menschheit ist unterernährt, zwei Milliarden Menschen haben keine ausreichende medizinische Versorgung, eine Milliarde hat keinen Zugang zu sauberem Wasser, mehr als 200 Millionen Kinder sind Soldaten, Prostituierte, Wanderarbeiter und Teppichknüpfer.”

Mehr geht nicht. Soldaten, Prostituierte, Wanderarbeiter und Teppichknüpfer. Alles wegen der Globalisierung und der Leitkultur des Verbrauchs und der Verschwendung. Irgendwie ist das sowieso alles das Gleiche, wer kann da noch differenzieren?

Die Lösung muss laut Welzer die Politik liefern. Sie muss “Privilegien der Ressourcennutzung … einschränken” und sich von einer “Privilegiensicherung” als “einzigen Inhalt des Politischen” verabschieden. Eben war doch noch die Globalisierung politischer Inhalt?

Wechseln wir die Perspektive. Länder, Regionen und auch Kontinente sind soziale Systeme. Diese sozialen Systeme sind intern homogen und extern heterogen. Innerhalb eines sozialen Systems kommt es zu einer Angleichung. Die Mitglieder des sozialen Systems sind sich ähnlich. Das gilt auch für den Lebensstandard. Die interne Homogenität ist ein zentrales Wesensmerkmal sozialer Systeme, man nennt das teilweise auch “Kultur”. Die kulturellen Unterschiede innerhalb eines Systems sind geringer als die zwischen sozialen Systemen. Wir Deutschen haben eine andere Kultur als die Türken. Die Holländer haben einen anderen Lebensstandard als die Menschen in der dominikanischen Republik.

Und genau aus diesem Grund ist Globalisierung gut! Nur durch das Zusammenwachsen sozialer Systeme lässt sich eine Annäherung des Wohlstandsniveaus zwischen den Mitgliedern verschiedener Systeme realisieren. Eigentlich ziemlich einfach und logisch und zudem geschichtlich durchaus untermauert.

In der Steinzeit wussten wir nicht einmal, wenn der Clan im Nachbartal verhungerte. Im Mittelalter hatten die Menschen keine Ahnung, dass in anderen Ländern oder Kontinenten ganze Völker Not litten oder einer Seuche zum Opfer fielen. Allein durch die Pest ist laut Schätzungen circa ein Drittel der Gesamtbevölkerung Europas gestorben. Erst die zunehmende Globalisierung und die globale Vernetzung schaffen überhaupt die Voraussetzung dafür, die Ziele von Herrn Welzer zu realisieren.

Was wir brauchen ist ein noch stärkeres Zusammenwachsen und damit eine Forcierung der Globalisierung. Selbstverständlich sollten wir uns dabei die Frage stellen, inwieweit unsere Werte zurzeit “verrückt” sind und ob unser Fokus zu stark auf dem Kapital liegt.

Wir sind alle gefordert, die Globalisierung im Sinne des Artikels 25 der Menschenrechte zu gestalten. Wir brauchen einen Weltrat, der ethischen und moralischen Werten und Zielen folgend, die richtigen Entscheidungen trifft und für soziale Gerechtigkeit sorgt. Wir brauchen den politischen Einsatz aller, um uns in diese Richtung zu entwickeln. Globalisierung kann positiv gestaltet werden!

Wenn wir das geschafft haben, werden uns sicherlich auch extraterrestische Lebensformen besuchen, denen dies heute noch zu riskant ist. Vielleicht werden wir dann irgendwann sogar vollständiges Mitglied im Rat der Welten.

Vielleicht, lieber Herr Welzer, werden Sie ein weises Mitglied im ersten Weltrat. Empört Euch nicht, unternehmt etwas.

Von: Jürgen Fischer -