Bildung

Unsere armen Kinder: Überforderung hoch drei!

Written by Jürgen Fischer. Posted in Bildung

Oder wie der Unsinn und die Verdrehung der Realität einmal wieder schnurstracks in die nächste Katastrophe führen. „Das überforderte Kind“, so lautet der Titel des Spiegel Nr. 41 vom 17.10.2011. Unter dieser Titelzeile kommt es knüppeldick: „Wie viel Ehrgeiz verträgt gute Erziehung?“ Eine Frage, die vor dem Hintergrund der Pisa-Studien, der Ergebnisse zahlreicher empirischer Studien zum ausbaufähigen Bildungsstand der Jugend in Deutschland sowie eigener Beobachtungen nach der Gegenfrage „Welcher Ehrgeiz?“ geradezu schreit.

Das Titelbild ist eher Wunsch als Realität. Es zeigt eines dieser armen kleinen Wesen, erdrückt von zahlreichen Büchern, einer Geige, einem Ball, einem Laptop, einem Wecker, einem Pokal, einem Reiterstiefel, Ballettschlappen, Tennisschläger, Tasse … Ein Bild, das für den größten Teil der heutigen Jugend fernab jeder Realität ist. Spiegel stürzt sich in alter Spiegelmanier auf die circa zwei Prozent aller Kinder, die von ihren Eltern hart gefordert und eventuell überfordert werden. Die anderen 98 % bräuchten deutlich mehr von dem hier skizzierten Druck und weniger Laissez-faire von der Erziehungscouch.

Spiegeltypisch kommt es für den aufgeklärten, subjektiv objektiven Leser schlimmer, viel schlimmer: Unsere Kinder – ich habe übrigens vier davon, darf also vor dem Hintergrund der Anzahl sogar laut mitreden – sind in Bedrängnis. Die armen kleinen Racker werden quasi ab ihrer Geburt hart rangenommen. Sie müssen lernen, gehorchen, funktionieren, sich auf das Leben, den Beruf und die Karriere vorbereiten, sogar „ihren Eltern genügen“ müssen sie und obendrein „die Zukunft Deutschlands garantieren“. Klar, diese Herausforderung ist ein Riesenproblem und viel zu viel für die Kleinen, die „halten dem Druck kaum stand“.

Es folgt die Spiegel-übliche Homestory in Form von Familie Schmidt-Jortzig. Heute hat Frau einen Doppelnamen, Männer zeitweise auch. Im Anschluss stehen zwei Sätze, die unbedingt in ihrer ganzen Fülle zitiert werden müssen: „Die Mutter hat die Arbeit als Fernsehautorin auf drei Tage in der Woche reduziert. Sie buddelt, backt und bastelt mit ihren Söhnen, sie hat Humor, Verstand, ja sogar Witz, der Ehemann ist ihr ein echter Partner.“

Ist das nicht eine Idylle. Vor allem, wenn Sie sich zu diesem Bild noch den großen Garten und die Pferdekoppel, die sich in unmittelbarer Nähe des Hauses der Schmitz-Jortzigs befindet, vorstellen. Der absolute Traum und das auch noch in Baby
Zu früh oder nicht früh genug?

Zu früh oder nicht früh genug?

einem rheinischen Dorf. Mütter können heutzutage ihre Arbeitszeit reduzieren, das nennt man ein hohes Wohlstandsniveau. Herr Schmidt-Jortzig wird sich sicherlich freuen, dass man seiner Frau „sogar“ ein gewisses Maß an Witz zugesteht. Sie selbst bestimmt auch.

Das war aber nur die Einleitung. Die braucht der Spiegel, um spiegelbildlich und -üblich die andere Seite zu beleuchten, um in die dunklen Ecken und die Abgründe zu schauen. Und es zeigen sich wahre Abgründe, man muss nur genau hinsehen und ab und an ein bisschen buddeln. Es lastet zu viel Druck auf der Familie, Überforderung, die „globale Welt dringt mit ihren Fragen, Unwägbarkeiten und Alternativen ungebremst bis in ihr Dorf hinein“.

Selten so viel Unsinn gehört, auch sprachlich. Die „globale Welt“? Die Zeiten, als man noch dachte, die Welt wäre eine Scheibe, sind vorbei. Global bedeutet weltweit. Ein wenig mehr Ehrgeiz bei der Verwendung der richtigen Sprache wäre wünschenswert. Inhaltlich steht der Satz eher für Positives als für Negatives: Alternativen sind Möglichkeiten und solche sind per se erst einmal positiv. Fragen warten auf Antworten, das bedeutet Bewegung, auch geistig – ebenfalls toll. Und das gilt erst Recht für die danach vom Spiegel aufgezählten Alternativen: „Mails und Podcasts, DVDs, Facebook und SMS. Hunderte Handy-Tarife, dutzende Privatsender. Online-Banking, Online-Shopping, aber auch Hörspiel, Bilderbuch und Ritterburg – alles ist permanent verfügbar.“ Da wird einem wieder einmal bewusst, was wir Menschen in den letzten Jahrzehnten geschaffen haben. Möglichkeiten, die uns das Leben erleichtern, die es uns ermöglichen, schnell und losgelöst von unserem Standort miteinander zu kommunizieren. Gestern habe ich mit einer Mitarbeiterin, die zurzeit in Australien ist, über Skype gesprochen – ich bin begeistert von diesen Möglichkeiten. Der Spiegel nicht, der weist darauf hin, dass Wahrnehmungsforscher dieses „Wirrwarr der Angebote“ als „Reizüberflutung“ bezeichnen.

Aber nicht nur unsere Kinder sind arm dran, es geht auch um die armen und ebenfalls überforderten Eltern: Die Eltern wollen ihre Kinder auf das Leben vorbereiten und fühlen sich dabei selber überfordert, weil sie nicht wissen, ob sie ihren Kindern zu viel oder doch zu wenig zumuten. Und diese Unsicherheit verstört wiederum die Kinder, so die Spiegel-Logik.

Im Anschluss wird es journalistisch äußerst grenzwertig. Der Spiegel stellt einen Zusammenhang zu diversen Krankheiten her, „unter denen Jungen und Mädchen heute leiden können: Hypernervosität, Hyperaktivität, Essstörungen, Lernschwierigkeiten, Aggressionen.“ Sehr wohl mögen diese Krankheiten in Einzelfällen das Ergebnis eines zu hohen Leistungsdrucks sein. Aber worüber reden wir? Über die 2 % von den 2 %, die einen solchen Leistungsdruck überhaupt verspüren. Wir haben kein Problem mit einer leistungsbezogenen Überforderung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.

„Es steigt, auch in Deutschland, die Zahl jener Väter und Mütter, die … schon ihre Zweijährigen mit Privatkursen für „Kinder auf der Überholspur“ auf eine globale Karriere vorzubereiten versuchen – in Fächern wie „Ökonomie“ oder „Ziele und Lebensstrategien“.“ Ups – haben wir nicht gerade erst öffentlich und ausgiebig über Pisa und den schwachen Bildungsstand junger Deutscher gesprochen. Nach nur zwei Jahren haben die Eltern das Ruder erfolgreich gedreht und schicken laut Spiegel ihre Jüngsten schon in Kurse für Erwachsene. Das nenne ich Exzellenzinitiative. Wir sind klasse drauf.

Ein bisschen Verlust ist wohl bei dem krassen Umschwung mit dabei: „Dem Gehirn eines Kindes bleibt kaum etwas anderes übrig, als auf Unsicherheit, Überehrgeiz … mit Signalen der Überforderung zu reagieren.“ Unser Hirn wächst mit seinen Aufgaben, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wissenschaftler der Berliner Charité haben in einer Untersuchung über das Suchtverhalten von Jugendlichen entdeckt, dass moderate Computer-Vielspieler nicht nur über mehr lokales Hirnvolumen, sondern auch über mehr Hirnrinde verfügen (siehe hierzu Berliner Morgenpost). Oder mit anderen Worten, wir entwickeln uns mit unseren Aufgaben und Reize stimulieren unser Hirn. Diese Wahrheit steht im Widerspruch zu den spiegel-typischen Untergangsszenarien einer überforderten Jugend.

Aber es geht lustig und munter weiter: „Eltern und Lehrer, ja die ganze Gesellschaft, müssten endlich das große, prinzipielle, drängende Problem der Erziehung lösen“. Um diese Aussage zu unterstreichen, werden die Wissenschaftler des Robert Koch-Instituts ins Rennen geworfen. Die haben über drei Jahre lang 18.000 Jugendliche untersucht und jedes siebte Kind als psychisch auffällig beurteilt, und bei zehn Prozent der 11 bis 17-Jährigen wurde mindestens einmal ADHS, Aufmerksamkeitsdefizitstörung, diagnostiziert. Wenn man zusätzlich bedenkt, „dass in München …. 80 Prozent der Gymnasiasten in einer Studie an der Ludwig-Maximilian-Universität von Kopfschmerzen, viele außerdem von Schmerzen im Rücken“ und „im Bauch“ berichten, ist die Überforderung bewiesen. Die Ursache ist ebenfalls eindeutig. Überforderung führt zu Stress: „Stress mit den Eltern, Stress im Freundeskreis, Stress in der Schule.“

Obendrauf gibt es noch den ultimativen Abschlussbeweis für die Richtigkeit der getätigten Aussagen zur extremen Überforderung der armen keinen Racker: „An einer Hamburger Privatschule baten kürzlich einige Väter und Mütter, zumeist Akademiker, eine Lehrerin darum, ihre Kinder auch während der Klassenfahrt mit dem gehirnregulierenden Medikament Ritalin zum Frühstück zu versorgen.“ Liebe Katja Timm, das ist die Autorin dieses in seiner Argumentationskette äußerst stringenten und zutiefst wissenschaftlichen Artikels, wenn das Zeug das Gehirn reguliert, sollten Sie ab sofort ebenfalls schon zum Frühstück Ritalin einnehmen, vielleicht hilft das gegen die Überforderung beim Artikelschreiben.

Sprach ich soeben von Abschlussbeweis? Da war der Wunsch Vater des Gedankens. Frau Timm setzt noch einen drauf und die armen Forscher des Robert Koch-Instituts müssen wiederum dafür herhalten. Die fanden nämlich heraus, dass es eine „erschreckende Vielfalt an Lebensumständen gibt, die ein Kind beschweren können“. Ich denke, Frau Timm meinte vermutlich „erschweren“, aber darauf kommt es hier schon lange nicht mehr an. Denn jetzt kommt es, Frau Timm zählt diese das Leben erschwerenden Lebensumstände auf: „Alleinerziehende, arbeitslose, chronisch kranke oder schlecht ausgebildete Eltern zählen zu diesen „Risikofaktoren“, auch eigene Krankheiten oder ein Migrationshintergrund.“

Frau Timm, haben Sie da nicht wichtige Risikofaktoren vergessen, die Eltern ebenfalls befallen können: Homosexualität, akademische Grade, Vegetarismus, Veganismus, Fettleibigkeit, ein niedriger Intelligenzquotient oder einfach nur verheiratet zu sein …

Unmittelbar nach der Aufzählung der Risikofaktoren schreibt Frau Timm: „Rund 200 000 Schüler erreichen jedes Jahr das Klassenziel nicht.“ Kurz zur Realität. Laut Statistischem Bundesamt sind die Durchfallquoten bei Abiturienten extrem gesunken. Im Abiturjahr 2009 haben bspw. in NRW nur noch rund 2,1 % der Schüler die Abiturprüfungen nicht bestanden. Das ist eine Halbierung der Durchfallquote im Vergleich zum Jahr 2004.

Aber Frau Timm macht gnadenlos weiter: „Fast jeder fünfte 15-Jährige versteht bestenfalls einfache Texte.“ Ich finde es persönlich sehr schade, dass der Anteil der Nichtversteher nicht noch bedeutend höher ist. Bei der geringen Quote bleibt der eigentlich unfassbare Artikel noch für viel zu viele Jugendliche fassbar.

Ergänzend zum Artikel zeigte Spiegel-TV am 27.11. den Beitrag „Das überforderte Kind – Wie Eltern ihren Nachwuchs optimieren“. Zu sehen ist ein Kurs, in dem Babys ihre eigene Mitte finden sollen. Ein Kreis mit jungen Vätern und Müttern massiert die Kleinen, denen dies sichtlich gefällt. Berührungen tun Babys gut. Die Kursleiterin erzählt, wie wichtig es ist, die eigene Mitte zu finden. Babys müssten lernen, sich über die Mitte zu drehen. Später würden wir uns beim Lesen und Schreiben ebenfalls über unsere Mitte bewegen (Ja, ich habe mir an der Stelle auch meinen Teil gedacht. Aber die Kursleiterin schien überzeugt und glücklich). Schneller Bildwechsel, ein anderer Kurs: Englisch für Kleinstkinder. Wem es Spaß macht, der hält seinem Baby ein Bild von einem Fisch vor die Nase und sagt „fish“. In einem anderen Kurs bewegen sich Vierjährige zu klassischer Musik. Nach Überforderung sieht das alles nicht aus. Vier Kurse pro Woche, so das Überforderungsszenario, also insgesamt circa vier Stunden, klingen nicht nach Überlastung. Sprache, Sport, Bewegung und Musik schaden auch den Kleinsten nicht. Und wer in die Augen der Eltern schaut, erkennt, dass es ihnen gut dabei geht, wenn sie etwas für ihre Kinder tun. Denn sie tun hiermit zugleich etwas für sich. Und wenn sich die Eltern gut fühlen, dann geht es auch den Kindern gut. Ist doch alles in Ordnung. Aber zurück zum Artikel.

 

Frust, bei beiden

Frust, bei beiden

Nachdem der Spiegel die Überforderung der Kinder und Jugendlichen herausgearbeitet hat, wird die Überforderung der Eltern mit erzieherischen Aufgaben herausgestellt. Die Elternüberforderung beginnt schon in frühesten Kinderjahren, denn wenn die Mutter dem Kind nicht unbedingte Geborgenheit vermittelt, können „beträchtliche Schäden im neuronalen System der Stressverarbeitung, der Selbstberuhigung und der Impulskontrolle … die Folge sein“. Die mit Erziehung betraut sind, „fühlen sich ratlos und verloren in jener hochtechnologisierten Welt.“ Eltern haben die Orientierung verloren, denn „immer mehr Lebensbereiche werden immer komplexer“ lautet eine weitere Weisheit des Spiegels. „Durchschnittsmenschen kommen Gesamtüberblick und Gewissheiten abhanden“ und 30 % der befragten Eltern fühlen sich fast täglich durch Erziehung gestresst. Eines der Kernprobleme der gesamten Menschheit fast Frau Timm in folgender Aussage zusammen: „Der Zwang, eigene Entscheidungen zu treffen, wächst – und belastet.“ Nebenbei wird erwähnt, dass auch die Politiker überfordert sind, aber das wussten wir schließlich schon länger.

Frau Timms Fazit: „Da bringt eine überforderte Gesellschaft überforderte Kinder hervor, die ihrerseits wieder die Gesellschaft überfordern.“ Überforderung hoch drei bzw. Überforderung zum Kubik! Eine neue mathematische Gleichung, die die Welt erklärt, die Weltformel? Erfunden vom Erziehungswissenschaftler Günther Opp aus Halle an der Saale, erstmalig aufgeschrieben und zitiert von Katja Timm.

Den Rest, insgesamt folgen im Spiegel noch ein paar Seiten, erspare ich Ihnen und mir. Bleiben wir bei der Weltformel, der Überforderung hoch drei. Es geht um nichts anderes als die Ränder einer klassischen Verteilungsfunktion. Einer Verteilungsfunktion über das Ausmaß an Förderung, von einem Extrem, dem sich nicht kümmern, bis zum anderen Extrem, der totalen Überforderung.

Und es geht doch ohne "Überforderung"

Und es geht doch ohne „Überforderung“

Am einen Ende sind die wenigen Jugendlichen, die stark lernende Mädchen von ihren Eltern gefordert werden. Hiervon werden einige wenige in der Tat überfordert. Hiermit haben wir in Deutschland, das zeigen Statistiken eindeutig, allerdings kein Problem. Es wäre vielmehr wünschenswert, wenn das Fordern von Eltern deutlich zunehmen würde. Am anderen Ende der Verteilungsfunktion stehen die Vernachlässigten, diejenigen, die nicht gefordert und erst Recht nicht überfordert werden. Weder zu Hause noch in der Schule. Diejenigen, die im Unterricht telefonieren und die, wie von Frau Timm beschrieben, auf die Frage nach einem Adjektiv mit „Glubschauge“ antworten. Diejenigen, die trotz solchen Verhaltens anschließend immer noch im Klassenraum sitzen, anstatt im hohen Bogen rauszufliegen. Würde man sie rauswerfen, diejenigen, die laut Frau Timm nur wegen des Kindergelds überhaupt die Schule besuchen, bekämen ihre Eltern kein Kindergeld mehr. Das würde das Aufstehen von der Couch erleichtern und zu Forderungen führen.

Ganz nebenbei: Wir hatten noch nie eine so gebildete Gesellschaft wie heute. Es gab noch nie so viele Bildungsmöglichkeiten wie heute. Liebe Katja Timm, wir müssen uns keine Bildungswelt schaffen, in die man selbst gerne hineinwachsen wollte, wie Sie schreiben. Wir müssen mehr Verantwortung fordern und unser Verständnis von dem, was sozial ist, überdenken. Der untere Verlauf der Verteilungsfunktion im Bereich von zu wenig Fordern ist unser Problem, wir brauchen mehr Druck auf diejenigen, die aus dem sozialen System ausscheren, und das gilt bereits in der Schule.

Von: Jürgen Fischer -