Benehmen

Neulich am Flughafen

Written by Jürgen Fischer. Posted in Benehmen

Aschblond, Ende 20 oder Anfang 30, ziemlich bleich, nicht dick, nicht dünn, knielanger Rock, Bluse, unsportliche Waden, langweilige Schuhe, Gesichtsausdruck und Gehabe zickig. Trotzdem fiel sie mir und vielen anderen am Flughafen in Leipzig auf. Denn sie sprach mit uns allen, und irgendeiner Person an ihrem Handy, und zwar im überfüllten Bus, der uns zum Flugzeug bringen sollte.

Wir erfahren, dass Madame heute an einer wichtigen Telefonkonferenz teilgenommen hatte. Offenkundig war sie mit nahezu allen besprochenen und beschlossenen Punkten nicht zufrieden, wie sie uns bzw. eigentlich ihrem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung mitteilte. „Die haben den Termin auf Samstag gelegt, das ist das einzige freie Wochenende, das ich habe. Da wollte ich eigentlich mit meinem Mann kurzfristig wegfahren. Das kann ich mir jetzt knicken. Das hätte man sicherlich auch an einem Freitag machen können. Warum DIE das nicht getan haben, weiß ich nicht.“ Und weiter: „Es wurden verschiedene Alternativen diskutiert, aber dann haben DIE einfach den Samstag festgelegt. Da hat auch keiner mehr was zu gesagt.“

So passiert es täglich und so werden unzählige Mitarbeiter Tag für Tag drangsaliert. Sie müssen! Sie müssen Dinge tun, die sie doof finden, die sie anders und vor allem besser machen würden. Viel besser, auch ihre Entscheidungen wären selbstverständlich viel besser. Jedenfalls würden sie nicht den Samstag nehmen und schon gar nicht den Samstag an ihrem einzigen freien Wochenende!

Aber wenn es entscheidend wird, dann bekommen sie den Mund nicht auf und schweigen. Und schweigen bedeutet in den allermeisten Fällen schlichtweg Zustimmung, denn in der Regel fragt irgendwer zuvor, ob alle einverstanden sind oder ob es Widerspruch gibt. Dann schweigen meist alle, denn so was kann man nicht machen. Man kann nicht einfach äußern, dass man etwas doof findet, dass man eine Entscheidung nicht versteht, dass man es anders machen würde; man kann nicht einfach einen Alternativvorschlag einbringen. Nein, so was geht bei uns nicht, lautet die Standardantwort. Das hat nämlich irgendwann schon mal irgendwer versucht und der ist jetzt nicht mehr da. Das machen Sie mal, dann sind Sie weg! Man gewinnt den Eindruck, dass in den meisten Unternehmen im Stil der „Kamorra“ geführt wird.

Sagen Sie doch bitte ab sofort allen, die sich mal wieder bei Ihnen über irgendeine Entscheidung oder irgendwen echauffieren, dass sie Sie damit in Ruhe lassen und sich bitte direkt an die betreffende Person wenden sollen. Sagen Sie denen, dass sie für ihr Leben, und explizit auch für ihr Berufsleben, selber verantwortlich sind. Und wer sich selbstverantwortlich dafür entscheidet, nichts zu sagen, der hat sich bewusst für die damit einhergehenden Konsequenzen entschieden.

Sollten Sie nun ein Störgefühl haben und der Meinung sein, dass es Situationen gebe, in denen man einfach keine gegenlautende Meinung aussprechen dürfe, dann irren Sie. Sie tun es vielleicht nicht, aber Sie könnten! Sie haben nur Angst vor irgendwelchen Konsequenzen, die in den meisten Fällen allenfalls hypothetisch sind. Und weil keiner mehr etwas sagt, ranken sich um diese schlimmen Konsequenzen nur noch Mythen. Es geht sehr wohl. Sie können jederzeit zum Ausdruck bringen, dass Sie mit etwas nicht einverstanden sind. Versuchen Sie es doch einfach mal.

Liebe bleiche junge Dame, lassen Sie mich also bitte künftig mit Ihrem Gejammer im Bus zum Flugzeug in Ruhe – es interessiert mich nicht und den Großteil der anderen Fahrgäste auch nicht, wie man unschwer an vielen Gesichtern ablesen konnte!

Von: Jürgen Fischer -